Aufgewachsen im Umbruch – die Welt meiner Millennial-Tochter (Teil 1)

Ich habe erzählt von meinem Gymnasium, von der Universität und von meiner Epoche, die mich als Boomer geprägt haben. Als alleinerziehender Vater hatte ich aber auch die Ehre und meistens das Vergnügen, eine Millenium-Tochter und einen GenZ-Sohn großzuziehen. Natürlich haben mich auch meine beiden Kinder geprägt. Zunächst will ich mich meiner Tochter und ihrer Generation widmen.
Ich gestehe: Wenn Eltern auf die Generation ihrer Kinder blicken, besteht eine gewisse Versuchung: Man vergleicht deren Entscheidungen mit dem eigenen Lebensweg – und hält den eigenen Maßstab unmerklich für den normalen, den richtigen. Auch ich kenne diesen Reflex. Ich gehöre zur Generation der Boomer, meine Tochter zu den Millennials. Zwischen uns liegt zwar gewiss kein unüberwindbarer Graben, wohl aber eine tiefgreifende Veränderung der Lebensbedingungen.
Als alleinerziehender Vater habe ich ihre Kindheit und Jugend aus nächster Nähe erlebt. Ich sah, wie sie in einer Welt aufwuchs, die zunächst von Zuversicht geprägt war. Europa schien zusammenzurücken, die Globalisierung versprach Wohlstand, das Internet eröffnete neue Möglichkeiten. Bildung, so lautete die Botschaft, sei der Schlüssel zu einem sicheren und selbstbestimmten Leben. Vieles davon war richtig. Aber es ist leider nicht die ganze Wahrheit. Denn die Millennials wurden mit großen Versprechen groß – und trafen dann als Erwachsene auf eine Welt, in der Gewissheiten schneller verschwanden, als man sich an sie gewöhnen konnte.
Eine Kindheit zwischen Telefonbuch und Internet
Meine Tochter gehört noch zu jener Generation, die den Übergang von der analogen zur digitalen Welt nicht aus Geschichtsbüchern kennt. Sie hat ihn selbst erlebt.
Ihre Kindheit war noch nicht vollständig vom Smartphone bestimmt. VHS-Videokasseten mit „Heidi“ und sogar „Musikkassetten“ bestimmten ihre Kindheit. Informationen suchte man noch nicht jederzeit und überall. Verabredungen mussten einigermaßen zuverlässig eingehalten werden, weil man unterwegs nicht ständig erreichbar war. Fotos wurden auch nicht automatisch veröffentlicht, kommentiert und bewertet. Ein Kinderzimmer war noch kein kleiner Sendestudio-Arbeitsplatz mit permanenter Verbindung zur Außenwelt.

Dann kam aber der Wandel – sehr schnell und umfassend.
Computer hielten Einzug in Schulen und in unseren Haushalt. Das Internet veränderte Lernen, Kommunikation und Freizeit. Später kamen soziale Netzwerke, Smartphones, Streamingdienste und digitale Arbeitsformen hinzu. Für meine Boomer-Generation waren diese Neuerungen nur Ergänzungen zu einer bereits geprägten Lebenswelt. Für meine Tochter wurden sie Teil des Erwachsenwerdens. Heute ist sie sogar „Content-Creatorin“.
Das macht Millennials zu einer besonderen Übergangsgeneration. Sie erinnern sich noch an eine Zeit ohne permanente digitale Begleitung, bewegen sich aber selbstverständlich in der neuen Welt. Sie können häufig zwischen den Generationen übersetzen: nach oben zu den Eltern, die viele digitale Entwicklungen erst später kennenlernten (sie kann so schön mit den Augen rollen, wenn ihr Papa mal wieder etwas nicht versteht), und nach unten zur Generation Z ihres Bruders, für die digitale Kommunikation von Anfang an selbstverständlich war.
Diese Fähigkeit wird oft unterschätzt, aber sie verlangt doch eine Menge Anpassungsvermögen.
Die optimistischen Jahre der Globalisierung
Die Jugend vieler Millennials fiel in eine Zeit, in der die politische und wirtschaftliche Entwicklung zunächst in eine klare Richtung zu weisen schien. Nach dem Ende des Kalten Krieges verbanden viele Menschen -auch ich- Globalisierung, europäische Integration und technischen Fortschritt mit der Erwartung eines dauerhaften Aufschwungs.
Grenzen verloren an Bedeutung. Reisen wurden einfacher. Studien- und Arbeitsmöglichkeiten erweiterten sich. Internationale Erfahrungen galten nicht mehr als Ausnahme, sondern zunehmend als normaler Bestandteil eines modernen Lebens. So nahm meine Tochter als eine von ganz ganz wenigen Schülerinnen aus Deutschland an einem Schüleraustausch in der Türkei teil - heute leider unvorstellbar.
Auch wirtschaftlich schien die Botschaft eindeutig: Wer sich bildet, flexibel bleibt und Leistung zeigt, wird seinen Platz finden.
Als Ökonom weiß ich, wie stark solche gesellschaftlichen Erzählungen wirken, denn sie prägen Erwartungen. Sie beeinflussen Bildungsentscheidungen, Berufswünsche und Lebenspläne. Meine Tochter und viele ihrer Altersgenossen lernten, dass individuelle Anstrengung eigentlich fast zwangsläufig zum Erfolg führen müsse. Meine Tochter machte Abitur, studierte, wurde staatlich geprüfte Landwirtin und machte heimlich nebenbei einen LKW-Führerschein für 40tonner. Heute bewirtschaftet sie einen großen Hof mit Hofladen, ist Content-Creatorin und nebenbei auch noch Hausfrau und Mutter zweier Söhne. Ach ja, und Unterbrandmeisterin bei der Feuerwehr. Alles angestrebt und selbst erarbeitet. Respekt!
Das soll eine motivierende Botschaft sein. Zugleich enthält sie eine problematische Verkürzung. Denn ein Lebensweg hängt heute leider nicht mehr allein vom persönlichen Einsatz ab. Konjunktur, Arbeitsmarkt, Wohnkosten, Familienbedingungen und politische Krisen spielen ebenfalls eine Rolle. Wer jungen Menschen vermittelt, sie könnten bei ausreichender Anstrengung nahezu jedes Ziel erreichen, lädt ihnen später auch die Verantwortung für jedes Scheitern auf. Aus einer Verheißung kann so für viele ein Druck entstehen.
Bildung als Versprechen
Millennials gehören zu einer Generation, in der Bildung noch einen besonders hohen Stellenwert erhielt. Studium, Weiterbildung und Zusatzqualifikationen sollten berufliche Sicherheit schaffen. Lebenslanges Lernen wurde nicht nur als Möglichkeit, sondern beinahe als Pflicht verstanden. Überall nahmen Weiterbildungskurse explosiv zu.
Darin liegt eine Stärke. Ich habe erfahren: Viele Millennials sind wissbegierig, offen für neue Themen und bereit, sich auf veränderte Anforderungen einzustellen. Sie haben schnell gelernt, dass ein einmal erworbener Abschluss nicht für ein ganzes Berufsleben ausreichen muss. Doch auch hier zeigte sich ein Widerspruch: Je stärker Bildung als Voraussetzung für Erfolg galt, desto größer wurde für viele auch die Enttäuschung, wenn gute Qualifikationen nicht automatisch zu einem sicheren Arbeitsplatz, einem ausreichenden Einkommen oder dem gewünschten sozialen Aufstieg führten.
Meine Generation konnte dagegen noch vergleichsweise häufig darauf vertrauen, dass ein solider Berufsabschluss in eine stabile Erwerbsbiografie führte. Das war keineswegs immer leicht, und auch wir Boomer kannten Arbeitslosigkeit, Strukturwandel und wirtschaftliche Krisen. Trotzdem erschien unser Weg oft geradliniger:
Ausbildung oder Studium,
Eintritt in den Beruf,
beruflicher Aufstieg,
Familiengründung,
möglicherweise ein eigenes Haus,
später ein planbarer Ruhestand.
Für viele Millennials wurde diese Abfolge von Anfang an unsicherer. Nicht jeder Schritt folgte zwangsläufig auf den vorherigen. Befristete Verträge, häufigere Stellenwechsel und veränderte Familienmodelle machten Lebensläufe offener – aber auch weniger berechenbar.

Als die Sicherheit zu bröckeln begann
Spätestens mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 und 2008 wurde deutlich, wie verletzlich unsere scheinbar stabile Ordnung war. Gerade ältere Millennials traten in einer Phase in den Arbeitsmarkt ein, in der Banken ins Wanken gerieten, Unternehmen Stellen abbauten und öffentliche Haushalte immer mehr unter Druck standen.
Danach folgte auch keine lange Phase der Ruhe: Eurokrise, politische Polarisierung, Pandemie, Krieg in Europa, Energiepreisschock und Inflation ließen die Abstände zwischen den Krisen immer kürzer erscheinen. Natürlich trafen diese Entwicklungen nicht nur Millennials. Aber wir müssen daran denken: für sie fielen viele dieser Ereignisse in entscheidende Lebensphasen: Berufseinstieg, Partnerschaft, Familiengründung und Vermögensaufbau.
Gerade deshalb halte ich es für falsch, ihre Suche nach Sicherheit vorschnell als mangelnde Risikobereitschaft abzutun. Wer wiederholt erlebt, dass sicher geglaubte Strukturen plötzlich ins Rutschen geraten, entwickelt verständlicherweise ein stärkeres Bedürfnis nach Planbarkeit.
Meine Beobachtung ist, dass sich Millennials deshalb häufig beides wünschen: Freiheit und Sicherheit.
Sie wollen flexibel arbeiten, aber nicht dauerhaft in Unsicherheit leben. Sie schätzen persönliche Entwicklung, wünschen sich aber zugleich verlässliche Perspektiven. Sie möchten sich nicht an starre Lebensmodelle binden, leiden jedoch darunter, wenn alle Optionen dauerhaft offenbleiben. Dieser Widerspruch ist keine bloße Unentschlossenheit. Er spiegelt einfach nur die Bedingungen wider, unter denen sie leben.
Der veränderte Arbeitsmarkt
Auch die Arbeitswelt, in die meine Tochter hineinwuchs, unterscheidet sich erheblich von derjenigen meiner frühen Berufsjahre.
Digitalisierung und Automatisierung veränderten Tätigkeiten, Berufsbilder und Qualifikationsanforderungen. Unternehmen wurden internationaler, die Strukturkrise der Landwirtschaft verschärfte sich, Abläufe wurden schneller, Kommunikation unmittelbarer. Gleichzeitig nahm der Druck zu, sich ständig weiterzuentwickeln und die eigene berufliche Verwendbarkeit zu sichern.
Wo früher Erfahrung und Betriebszugehörigkeit einen hohen Wert hatten, treten heute Flexibilität, technische Kompetenz und Veränderungsbereitschaft stärker in den Vordergrund. Das eröffnet Chancen - es kann aber auch das Gefühl erzeugen, niemals endgültig angekommen zu sein.
Hinzu kommt die Entgrenzung der Arbeit. Das Smartphone ermöglicht Freiheit, weil man nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden ist. Zugleich trägt man den Arbeitsplatz ständig bei sich. Nachrichten, Termine und berufliche Anliegen dringen bis in den Feierabend hinein.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir der Wunsch vieler Millennials nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder work-life-balance keineswegs bequem. Ich verstehe das jetzt viel besser. Dieser Wunsch ist auch eine Reaktion auf eine Arbeitswelt, die räumliche und zeitliche Grenzen zunehmend auflöst.
Meine Generation fragte häufig: Was verlangt der Beruf von mir? Millennials fragen zusätzlich: Welchen Platz darf der Beruf in meinem Leben einnehmen?
Beide Fragen haben ihre Berechtigung.
Wohnen, Eigentum und das Gefühl des Zurückbleibens
Ein weiterer Unterschied betrifft den Wohnungsmarkt. Für viele Boomer gehörte das eigene Haus oder die eigene Wohnung zum klassischen Lebensentwurf. Natürlich konnte sich auch bei uns nicht jeder Eigentum leisten, doch der Gedanke erschien zumindest bei regelmäßigem Einkommen und entsprechender Sparsamkeit häufig erreichbar. Für viele Millennials liegt diese Schwelle aber nunmehr deutlich höher.
Gestiegene Kaufpreise, hohe Mieten und unsichere Beschäftigungsverhältnisse erschweren den Vermögensaufbau. Wer einen großen Teil seines Einkommens für das Wohnen ausgeben muss, kann weniger Eigenkapital bilden. Wer beruflich flexibel bleiben soll, zögert möglicherweise, sich langfristig an einen Ort zu binden.
So entsteht nach meiner Beobachtung eine eigentümliche Situation: Viele Millennials sind gut ausgebildet, beruflich engagiert und wirtschaftlich vernünftig – haben aber dennoch das Gefühl, hinter dem Lebensstandard ihrer Eltern zurückzubleiben.
Aus Boomer-Sicht liegt dann gelegentlich der Satz nahe: „Wir haben früher auch verzichten müssen.“ Das stimmt. Aber es beantwortet nicht die Frage, ob die damaligen und heutigen Bedingungen tatsächlich vergleichbar sind. Verzicht hilft nur dort, wo ein realistisches Ziel erreichbar bleibt. Wenn Preise und Einkommen dauerhaft auseinanderlaufen, wird aus Sparsamkeit allein noch kein Eigenheim.
Die neue Öffentlichkeit des Vergleichs
Eine Belastung, die meine Generation in dieser Form kaum kannte, ist natürlich die permanente digitale Vergleichbarkeit.
Früher verglich man sich vielleicht ab und an mit Verwandten, Freunden, Nachbarn oder Kollegen. Heute sieht man täglich scheinbar erfolgreiche Menschen, glückliche Familien, schöne Wohnungen, außergewöhnliche Reisen und berufliche Erfolge. Das gezeigte Leben in den sozialen Medien ist zu häufig ausgewählt und inszeniert – wirkt aber dennoch wie Realität.
Für Millennials begann diese Entwicklung schon in jungen Jahren. Sie mussten lernen, mit einer Öffentlichkeit umzugehen, in der das eigene Leben fortwährend bewertet werden kann. Das verändert auch den Blick auf sich selbst. Man fragt nicht mehr nur: Geht es mir gut? Man fragt: Geht es mir so gut wie den anderen? Man prüft nicht nur, ob eine Entscheidung vernünftig war. Man sieht ständig, welche anderen Möglichkeiten man angeblich verpasst hat. Der digitale Fortschritt schafft Verbindung, Wissen und Freiheit. Gleichzeitig kann er aber auch Unruhe, Selbstzweifel und das Gefühl, nie ganz zu genügen, fördern.
Mein Blick als Vater
Als stolzer Vater sehe ich die Welt meiner Tochter natürlich nicht nur mit den Augen des Ökonomen. Ich sehe sie mit der Erfahrung eines Menschen, der ein Kind großgezogen und dabei selbst gelernt hat.
Ich habe erlebt, dass ihre Generation keineswegs weniger leistungsbereit ist. Diese Erfahrung möchte ich allen Zweiflern an dieser Generation mit auf den Weg geben. Sie stellt nur andere Fragen. Sie akzeptiert weniger selbstverständlich, dass Arbeit, Autorität oder Tradition allein deshalb Vorrang verdienen, weil es früher so war. Das kann für uns Ältere unbequem sein. Es ist aber berechtigt.
Zugleich sehe ich, wie hohe Erwartungen und eine große Zahl an Wahlmöglichkeiten belasten können. Freiheit ist wertvoll. Doch sie verlangt Entscheidungen, und jede Entscheidung schließt andere Wege aus. Wer gelernt hat, dass nahezu alles möglich sei, empfindet Begrenzung leicht als persönliches Scheitern.
Vielleicht besteht eine Aufgabe meiner Boomer-Generation darin, zweierlei zugleich zu tun: Wir dürfen unsere Erfahrungen weitergeben, ohne sie zum alleinigen Maßstab zu erklären. Und wir sollten die veränderten Bedingungen anerkennen, ohne jede Schwierigkeit der Millennials ausschließlich mit äußeren Umständen zu entschuldigen. Verständnis bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet vielleicht nur, genauer hinzusehen.


