Das neue Hufeisen

Ein Prolog zu einer Serie über die Ränder der Demokratie
Ich saß neulich bei meinem Italiener, schlürfte meinen Kaffee und spitzte die Ohren: Ein Mann am Nachbartisch diskutierte mit seinem Freund und sagte etwas, das mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf ging: "AfD, Linke, ist doch eh dasselbe. Die wollen doch beide nur, dass alles kaputtgeht."
Vor einigen Jahren hätte ich das einfach als typischen Stammtisch-Zynismus abgehakt und meinen Kaffee weitergetrunken. Wenige Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt 2026 kam ich ins Nachdenken, und am Ende des Tages war die Entscheidung gefallen: Ich will genau über diese Frage schreiben. Weder, um dem freundlichen Herrn recht zu geben, noch, um ihm zu widersprechen. Sondern weil hinter seinem Satz eine der spannendsten politischen Fragestellungen unserer Zeit verborgen ist.
Ein Bild, das zu gut passt - ein Hufeisen
In der Politikwissenschaft ist der Satz sogar unter einem Namen bekannt, die es seit den 1980er-Jahren gibt: die Hufeisentheorie. Ihrer vereinfachten Aussage zufolge gibt es eine Annäherung zwischen den extremen Rändern des politischen Spektrums trotz gegensätzlicher Absichten, während die politische Mitte als der Bogen fungiert, der diese trennt. Ein Bild, das man nicht vergisst; ein eingängiges Bild. Genau an dem Punkt, wo ein Bild sofort einleuchtet, hören viele auf, weiterzudenken. Genau das möchte ich aber in dieser Serie aber vermeiden.

Was ein Modell taugt
Als Diplom-Ökonom habe ich gelernt, mit Modellen zu arbeiten, die per Definition ungenau sind, gerade weil man mit ihnen etwas erklären will, ohne die Wirklichkeit vollständig abzubilden. Ein Hufeisen ist ein Modell dieser Art. Und wie jedes Modell wird es nicht dort interessant, wo es einfach ist, sondern dort, wo es zu einfach zu sein scheint und man sich fragt, welche Annahmen ihm zugrunde liegen. Ein Modell zu verwenden, heißt nicht, es blind zu glauben. Das heißt auch, herauszufinden, wo die eigenen Grenzen liegen.
Die Frage, mit der ich beginne
Aus diesem Grund starte ich diese Serie nicht mit einer Antwort, sondern, wie es der Wissenschaft gebührt, mit einer sauberen Frage: Was genau besagt die Hufeisentheorie? An welchen Stellen trägt sie als analytisches Werkzeug bei, und wo überzeichnet sie? Und was offenbart der ungeschönte Blick auf Deutschland im Jahr 2026, auf BSW, AfD und Die Linke, ganz konkret im Umfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September 2026, über ihre heutige Erklärungskraft?
Kein Gleichheitszeichen
Die Serie hat dabei bewusst kein Gleichheitszeichen als roten Faden. Der Herr am Nebentisch hat mit seinem "ist doch eh dasselbe" nämlich etwas übersehen, was ich für zentral halte: Inhalte und Strukturen sind nicht dasselbe. Ein radikaler Nationalist und ein radikaler Kommunist sind nun wirklich über vieles uneinig – über Eigentum, über die Nation oder über das Menschenbild. Trotzdem können sie sich in Bezug auf Pluralismus, Kompromiss und die Begrenzung der demokratischen Macht in ihrem Verhältnis ähneln. Genau das ist die Frage, die ich in dieser Serie stelle: nicht nur, ob links und rechts dasselbe wollen, sondern ob und wo sich die Art, wie beide Seiten Politik, Wahrheit und Gegner verstehen, strukturell ähnelt, obwohl die Ziele grundverschieden sind.

Eine Regel für mich selbst
Eine Sache ist mir dabei besonders wichtig, weil ich selbst erfahren habe, wie leicht man in diese Falle tappen kann: Wenn man eine Seite der Ränder beginnt, unter die Lupe zu nehmen, hat man schnell den Eindruck, es handele sich um eine politische Kampfschrift. Aus diesem Grund habe ich mir für diese Serie eine Regel gesetzt, die ich strikt befolgen will: Jede kritische Betrachtung der AfD bekommt ihr Pendant bei der Linken, und umgekehrt. Nicht aus einer künstlichen Symmetrie heraus, sondern weil ich fest daran glaube, dass eine Analyse, die nur eine Seite betrachtet, keine echte Analyse, sondern eine Parteinahme ist.
Warum mir das als Vater wichtig ist
Als Vater zweier Kinder und jemand, der beruflich viel mit Jugendlichen zu tun hat, merke ich, wie sehr solche Zuspitzungen die politische Sprache der jungen Generation beeinflussen; deshalb schreibe ich diese Serie auch. Wenn man täglich 45-Sekunden-Videos mit vereinfachten Feindbildern sieht, entwickelt man irgendwann eine Gleichgültigkeit gegenüber Differenzierung. Das kann ich niemandem wirklich ankreiden. Aber ich kann versuchen, etwas entgegenzusetzen.
Der Fahrplan
In den kommenden Wochen arbeite ich mich deshalb durch sieben Themenblöcke: von der Entstehungsgeschichte der Theorie bei Backes und Jesse über ihre theoretische Verfeinerung zu einem Zwei-Achsen-Modell, über historische Fallbeispiele wie die Querfront der Weimarer Republik und die Corona-Proteste, bis hin zur sehr konkreten Gegenwart – BSW, AfD, Die Linke und der Frage, was unsere Verfassung eigentlich schützt und wo genau ihre roten Linien verlaufen. Am Ende steht, so hoffe ich, keine neue Gleichsetzung, sondern eine schärfere Frage an beide Seiten: nicht wer recht hat, sondern wie viel Freiheit man bereit ist, demjenigen zuzugestehen, der einen für falsch hält.
Vielleicht treffe ich den Herrn mal wieder und kann ihm die Artikel zeigen. Mal sehen, ob er dann immer noch sagt, es sei doch eh dasselbe.


