Der pflegeleichte Bürger: Warum ich den Homo oeconomicus verteidige
- Franz Wegener

- vor 7 Tagen
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Am 3. August erscheint mein neues Buch, „Der gesteuerte Mensch“. Bevor der erste Leser es in die Hand nimmt, will ich hier schon mal erklären, worum es mir eigentlich geht – und warum ich mich damit bewusst gegen einen Trend stelle, der in den letzten zwanzig Jahren fast unwidersprochen geblieben ist- und auch sogar gegen einige Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften…

Der Homo oeconomicus hat einen denkbar schlechten Ruf. In jedem zweiten Wirtschaftsseminar wird er als Karikatur vorgeführt: ein kühl rechnender Vollidiot der Vernunft, der nie existiert hat und nie existieren wird. Die Verhaltensökonomie hat aus dieser Karikatur ein ganzes Forschungsprogramm gemacht – und mehr noch, eine politische Praxis. Nudging, Verhaltensarchitektur, "Anstupsen" in die richtige Richtung. Der Staat, der weiß, was gut für uns ist, und uns sanft genug schubst, dass wir es gar nicht merken.
Mein Einwand ist nicht moralisch, sondern empirisch. Ich habe mir die Effektstärken der einschlägigen Nudging-Literatur angesehen, und was dabei herauskommt, ist ernüchternd: Ein durchschnittliches d von etwa 0,004. Das ist nicht klein, das ist im Rundungsbereich von null. Wir reden hier über eine ganze Industrie aus Verhaltensdesign, Politikberatung und Ministerien mit eigenen "Nudge Units" – gebaut auf einem Fundament, das empirisch kaum tragfähiger ist als ein Placebo-Effekt in einer schlecht kontrollierten Studie. Das ist für mich keine Randnotiz, sondern eine Legitimationskrise. Wenn die Wirkung so gering ist, wovon reden wir dann eigentlich, wenn wir über den "Verhaltensstaat" sprechen? Von Politik, die sich wissenschaftlich camoufliert, obwohl die Wissenschaft dahinter deutlich dünner ist, als es die selbstsichere Rhetorik vermuten lässt.

Was mich dabei am meisten stört, ist nicht die Methode an sich. Nudges, richtig eingesetzt und ehrlich kommuniziert, können sinnvoll sein. Was mich stört, ist das Menschenbild, das dahintersteckt: der Bürger als jemand, der zu seinem eigenen Glück geführt werden muss, weil er es allein nicht hinbekommt. Ich habe dafür im Buch eine Formulierung gefunden, die inzwischen so etwas wie der Kern meiner Argumentation geworden ist: „Der pflegeleichte Bürger ist der Alptraum des liberalen Denkens, verkleidet als seine Verwirklichung“. Genau das ist die Volte, die mich an der ganzen Debatte umtreibt. Man verkauft uns Entmündigung als Fürsorge, und weil sie so freundlich verpackt ist, fällt der Widerspruch kaum auf.
Der Homo oeconomicus, den ich verteidige, ist deshalb kein empirisches Modell menschlichen Verhaltens – das war er nie, und das haben auch die Ökonomen der Freiburger Schule nie behauptet. Er ist ein normatives Ideal: die Vorstellung eines Menschen, dem man zutraut, seine eigenen Präferenzen zu kennen und seine eigenen Fehler zu verantworten. Genau dieses Zutrauen geht verloren, wenn der Staat sich zum Verhaltensarchitekten aufschwingt. Nicht, weil Nudging per se autoritär wäre, sondern weil es eine Anthropologie transportiert, in der mündige Bürger zum Auslaufmodell werden.
782 Seiten, 957 Fußnoten, ein Literaturverzeichnis mit rund 600 Einträgen – ich habe mir die Mühe gemacht, diese These nicht nur zu behaupten, sondern sie so gründlich zu belegen, wie es das Thema verdient. Wer nach der Lektüre immer noch der Meinung ist, der Verhaltensstaat sei die logische und alternativlose Konsequenz aus der Verhaltensökonomie, dem wird es zumindest schwerer fallen, sich dabei allein auf die Empirie zu berufen.
Mehr dazu in den kommenden Wochen – hier im Blog, und ab dem 3. August dann zwischen zwei Buchdeckeln.

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