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Was Ordoliberalismus mit Mündigkeit zu tun hat

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
22. Juli
3 Min. Lesezeit

Wer den Ordoliberalismus nur als deutsche Fußnote zur Wirtschaftsgeschichte kennt – als das theoretische Vorspiel zur sozialen Marktwirtschaft, längst durch modernere Ansätze überholt –, übersieht den Kern der Sache. Für mich ist der Ordoliberalismus vor allem eines: eine Antwort auf die Frage, wie viel man dem Einzelnen zutraut. Und genau diese Frage ist es, die mich in Der gesteuerte Mensch umtreibt, wenn ich den Homo oeconomicus gegen die Verhaltensökonomie verteidige.


Die Freiburger Schule ist in einer Zeit entstanden, in der die Alternative zum Markt nicht Behavioral Economics hieß, sondern Planwirtschaft und totalitäre Lenkung. Walter Eucken und seine Kollegen haben sich deshalb nicht nur mit Wettbewerbsordnung beschäftigt, sondern mit einer viel grundsätzlicheren Frage: Wie organisiert man eine Gesellschaft, in der der Staat den Rahmen setzt, ohne sich anzumaßen, die einzelnen Entscheidungen der Bürger besser zu kennen als diese selbst? Das Konstitutionsprinzip, das Prinzip der Haftung, der Vorrang der Ordnungspolitik vor der Prozesspolitik – das sind für mich alles Ausdrucksformen einer Grundüberzeugung: Der Bürger ist mündig, und die Ordnung hat diese Mündigkeit zu schützen, nicht zu ersetzen.


Genau an diesem Punkt trifft sich die Ordnungsökonomik mit meinem eigentlichen Thema. Mündigkeit ist kein Zustand, den man verwaltet, sondern eine Zumutung, die man aushält. Sie bedeutet, dass Menschen Fehler machen dürfen, ohne dass jemand vorher schon das bessere Ergebnis für sie herbeigeführt hat. Der Verhaltensstaat, wie ich ihn im Buch beschreibe, tut genau das Gegenteil. Er verlagert die Verantwortung für gute Entscheidungen von den Bürgern auf die Architektur ihrer Entscheidungssituation. Nicht der Mensch soll klüger werden, sondern seine Umgebung soll ihn so weit lenken, dass es auf seine Klugheit gar nicht mehr ankommt.

Ordnungspolitik gegen Verhaltenssteuerung

Ich halte das für einen stillen Bruch mit genau der Tradition, in der ich meine eigenen Überlegungen verorte. Wenn Ordnungspolitik bedeutet, verlässliche Regeln zu setzen und dann dem freien Spiel der Kräfte zu vertrauen, dann ist Verhaltenspolitik das Gegenmodell: Sie verzichtet auf Regeln zugunsten von psychologisch kalibrierten Umgebungen, die dem Einzelnen die eigentliche Entscheidung faktisch abnehmen, während sie ihm formal die Wahlfreiheit lässt. Das ist die Pointe des "Libertären Paternalismus", und es ist genau die Konstruktion, die mir am meisten zu denken gibt: Man behält die Sprache der Freiheit, während man die Substanz der Autonomie aushöhlt.


Was mich an der ordoliberalen Denktradition überzeugt, ist nicht in erster Linie ihre Wettbewerbstheorie, sondern ihre Anthropologie. Sie unterstellt dem Einzelnen mehr, nicht weniger, als es der heutige Verhaltensstaat tut. Sie geht davon aus, dass Menschen ihre Präferenzen selbst am besten kennen, dass Irrtum ein notwendiger Teil von Freiheit ist, und dass eine Ordnung, die diesen Irrtum wegdesignen will, den Menschen nicht befreit, sondern entmündigt. Das ist die Linie, die von Eucken über die Ökonomen führt, denen ich meine eigene Ausbildung verdanke, bis zu der Verteidigung des Homo oeconomicus, die ich in meinem Buch versuche.

Die ordoliberalen Prinzipien

Man kann diese Position für zu optimistisch halten, was die tatsächliche Rationalität von Menschen angeht – dieser Einwand ist ernst zu nehmen, und ich gehe im Buch ausführlich darauf ein. Aber ich sehe das anders als die meisten Verhaltensökonomen: Die relevante Frage ist nicht, ob Menschen perfekt rational entscheiden. Das tut niemand, und das hat auch niemand in der ordoliberalen Tradition ernsthaft behauptet. Die relevante Frage ist, wer im Zweifel das Risiko einer Fehlentscheidung tragen soll – der Einzelne, der sie trifft, oder ein Staat, der glaubt, es besser zu wissen. Die Ordnungsökonomik hat sich für die erste Antwort entschieden. Ich halte das nach wie vor für die überzeugendere.


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