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Die moralische Inflation

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
25. Aug.
3 Min. Lesezeit

Warum Werte heute billiger sind als je zuvor


Wenn eine Gesellschaft in der Krise steckt, ist die Zeit der Mundakrobaten gekommen. Es bedarf keiner besonderen Gabe, um vorauszusehen, wer als Erster das Wort „Werte“ in den Mund nimmt. Ich erinnere mich noch gut: Im Sommer 2010, mitten im Nachbeben einer der schwersten globalen Finanzkrisen der jüngeren Geschichte, meldete sich das Kundenmagazin der deutschen Sparkassen mit einer bemerkenswerten Entdeckung zu Wort: „Werte sind wieder wer, sie haben wieder Zukunft“, hieß es dort im Editorial. „Wenn die Blase platzt, tritt wieder zutage, was wirklich wichtig ist: Zu Recht stehen nun wieder Vertrauen, Seriosität und Nachhaltigkeit im Vordergrund – wahre Werte eben.“


Eine Szene, die rührend ist und beinahe unfreiwillig komisch wirkt: In der Mitte von Trümmern, die noch rauchen, entdeckt ein Finanzdienstleister, dessen Branche kurz zuvor das globale System an den Rand des Abgrunds manövriert hatte, plötzlich die „Nachhaltigkeit“ als Heilsbringer für das Marketing. Diese Beobachtung zeigt auf, dass es sich bei den Werten um eine zeitgenössische Herausforderung handelt, die immer dann an Bedeutung gewinnt, wenn das Fundament ins Wanken gerät. Aber je mehr man nach hnen ruft, desto weniger scharf wird ihr Profil.


Das rhetorische Schweizer Taschenmesser

Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff „Werte“ vielseitig verwendet, ähnlich einem Schweizer Taschenmesser. Ob in den Sonntagsreden von hochrangigen Politikern, in PR-Broschüren von DAX-Unternehmen, bei hitzigen Diskussionen über Integration oder beim Klimaschutz – überall sehe ich, dass mit Werten jongliert wird, als wären sie physisch greifbare Orientierungspunkte. Aber das Gegenteil ist wahr.

„Taschenmesser mit der Beschriftung 'Werte' auf dem Griff und fünf fächerförmig ausgeklappten Klingen, als Sinnbild für den vielseitig einsetzbaren, aber unscharfen Gebrauch des Wortes Werte"
Ki generiert nach meiner Vorlage

Das Wort „Werte“ wird zwar häufig verwendet, aber selten genau definiert. Deshalb sehe ich in der Praxis eher Verwirrung statt Klarheit. Werte werden eben leider allzu oft als allgemeine Leerformeln missbraucht, um persönliche Interessen zu tarnen oder dem politischen Gegner eine moralische Unterlegenheit zuzuschreiben.


Dabei ist die Verwechslungsgefahr groß. Werte sind weder Gesetze noch bloße Verhaltensregeln. Ich trenne sie eindeutig:

  • Werte (Wertvorstellungen) sind nicht direkt sichtbar. Es handelt sich um Vorstellungen über das „Wertvolle“ und „Wünschenswerte“, die tief in uns verwurzelt, emotional aufgeladen sind und unser selbstorganisiertes Handeln in komplexen Situationen als innere „Ordner“ steuern. Wer z.B. einen gesellschaftlichen Wert wie die Ehrlichkeit verletzt, muss in der Regel keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten, er muss jedoch mit sozialer Ächtung und Vertrauensverlust rechnen.

  • Normen sind konkret aus Werten abgeleitete Verhaltensregeln – ich nenne sie die exekutiven Befehle im Alltag. Hier wird es rechtlich: Die sogenannten „Muss-Normen“ sind gesetzlich verankert, und ihre Verletzung hat konkrete staatliche Sanktionen zur Folge.

Wer diese Differenzierung ignoriert, verwechselt die Straßenverkehrsordnung mit dem Wunsch nach unfallfreiem Reisen.

„Kompass als Sinnbild für Werte als innere Orientierung neben einem Paragraphenzeichen als Sinnbild für Normen als verbindliche Regel"
KI generiert nach meiner Skizze

Die Sehnsucht nach dem unerschütterlichen Fundament

Weshalb erfahren wir aber ausgerechnet heutzutage eine derartige moralische Inflation? Meine Antwort: Es ist im Wesen unserer Zeit begründet. Wir leben in einer Zeit, die durch schnellen technologischen Wandel, globale Krisen und fundamentale gesellschaftliche Umwälzungen gekennzeichnet ist. Die Menschen haben verständlicherweise in der Mitte dieser unübersichtlichen Gemengelage wieder eine Sehnsucht nach einem gemeinsamen, verlässlichen Fundament. Wenn sich herkömmliche Bindungen auflösen, entsteht ein Vakuum.


Das Konzept der „Wertegesellschaft“ tritt genau in dieses Vakuum ein. Oft wird sie als das Gegenstück oder als der notwendige Überbau zur reinen Wissensgesellschaft angesehen. Reines Wissen ist, wie uns die technologischen Quantensprünge der letzten Jahrzehnte gezeigt haben, moralisch allzu oft blind. Es kann zur Heilung von Krankheiten oder zur Optimierung von Überwachungssystemen eingesetzt werden. Nur gemeinsame Werte können jedoch als jene emotionalen „Kompetenzkerne“ fungieren, die das Wissen handlungs- und gemeinwohlfähig machen.


Die Suche nach Orientierung, auch wenn sie gut gemeint ist, schlägt aber sogar in Demagogie um, wenn wir jeden Aspekt des Alltags moralisieren. Wenn Mülltrennung, das Tragen bestimmter Kleidungsstücke oder die Wahl der Ernährung zu einer existenziellen Wertefrage erhoben werden, dann kollabiert die liberale Gesellschaft irgendwann an ihrer eigenen Tugendhaftigkeit.


Wenn alles wertvoll ist, ist nichts mehr von Wert

Meine Diagnose: Werte sind keine kosmetischen Accessoires, die man sich je nach politischer Großwetterlage auf- oder ablegen kann. Um den Begriff „Werte“ zu retten, müssen wir ihn deshalb aus den Fängen der Marketingabteilungen und der Gesinnungsästheten befreien. Denn eine freie Gesellschaft ist nicht dadurch definiert, dass sie ihren Bürgern detaillierte Vorgaben zu ihrem Gefühl oder Leben macht.  Ihr Charakteristikum ist, dass sie die unantastbare Würde des Menschen als höchsten Verfassungswert anerkennt – und dem Einzelnen die Freiheit, aber auch die Bürde gibt, diesen Wert in eigener Verantwortung zu leben.


Alles Weitere stellt keine Wertepolitik dar, sondern ist eine Verzögerung der moralischen Insolvenz durch eine übermäßige Ausdehnung der Begriffe.





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