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Die verinnerlichte Hausordnung: Wie aus „Ergriffenheit“ Kompetenz wird

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
31. Aug.
6 Min. Lesezeit

Über Werte reden wir oft. Ich auch. Wir finden sie in Verfassungen, Schulprogrammen und Unternehmensleitbildern. Wir legen Wertekanons fest, verabschieden Verhaltenskodizes und führen Diskussionen darüber, welche Werte das Fundament einer Gesellschaft bilden sollten.

Dabei fallen wir leicht einem grundlegenden Irrtum zum Opfer: Wir behandeln Werte, als wären sie Wissen.  Als könnte man Menschen nur oft genug die Begriffe Freiheit, Verantwortung, Toleranz, Ehrlichkeit oder Solidarität erklären – und irgendwann würden sie automatisch danach leben.

Doch so einfach funktioniert die Welt nicht.


Ein Mensch kann erkennen, was richtig wäre, und dennoch anders handeln. Er kann die Menschenrechte verteidigen und gleichzeitig respektlos zu seinen Mitmenschen sein. Er kann über Verantwortung reden, aber sobald sie unbequem wird, meidet er sie. Er kann die Regeln einer Gemeinschaft genau kennen, ohne jemals ihren Geist zu verstehen. Ich behaupte: Wissen allein ist noch keine Haltung.


Wissen sitzt im Kopf – Werte greifen tiefer

Werte und gedankliches Wissen sind zwei unterschiedliche Dinge. Das heißt nicht, dass man Vernunft und Gefühl im Menschen klar voneinander abgrenzen könnte. Die Verarbeitung einer Information unterscheidet sich jedoch, wenn sie emotional bewertet und schließlich handlungsleitend geworden ist.

Wissen lässt sich abfragen. Ich kann eine Definition lernen, einen Gesetzestext wiedergeben oder einen historischen Zusammenhang erklären.


Aber Werte funktionieren anders.

Sie sind eng verknüpft mit Erfahrungen, Emotionen, sozialen Bindungen und Vorstellungen darüber, was als gut oder schlecht, richtig oder falsch, erstrebenswert oder verwerfenswert gilt: Die Verinnerlichung von Werten ist ein solcher Prozess.  Sie entstehen aus Bewertungen, die stark durch Erziehung, Religion oder auch Kultur beeinflusst werden.

Das Entscheidende daran ist: Werte werden nicht gelernt wie französische Vokabeln. Sie müssen erlebt werden. Vielleicht müsste ich sogar sagen: Sie müssen einen Menschen irgendwann einmal ergriffen haben.


Das klingt vielleicht etwas pathetisch. Ich meine jedoch etwas sehr Konkretes. Wer als Kind erlebt, dass ein gegebenes Wort gilt, entwickelt möglicherweise eine andere Vorstellung von Verlässlichkeit als jemand, für den Versprechen regelmäßig folgenlos bleiben. Wer erlebt, dass Schwächere geschützt werden, erfährt Gerechtigkeit anders als derjenige, dem lediglich erklärt wird, Gerechtigkeit sei wichtig.

Deshalb sind Vorbilder so wichtig. Erfahrungen, Rituale, Anerkennung, Enttäuschungen sowie die Kultur einer Gemeinschaft spielen ebenfalls eine Rolle. Unser Werteverständnis geht über das hinaus, was uns Menschen durch Worte vermitteln.  Viel öfter übernehmen wir sie aber durch das, was Menschen uns vorleben.


Warum das Grundgesetz allein keine guten Bürger produziert

Nehmen wir ein bewusst zugespitztes Beispiel: Man könnte Schülerinnen und Schüler verpflichten, die ersten zwanzig Artikel des Grundgesetzes auswendig zu lernen. Vielleicht wäre das nicht einmal völlig sinnlos. Ich denke, eine Demokratie braucht Bürger, die zumindest ihre Verfassung kennen.

Aber würde dadurch automatisch eine Generation besonders demokratischer, verantwortungsbewusster und toleranter Menschen entstehen? Kaum.


Jemand kann Artikel 1 – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – auswendig aufsagen und einen anderen Menschen wenige Minuten später demütigen. Er kann Religionsfreiheit erklären und Andersgläubige verachten. Er kann die Meinungsfreiheit verteidigen, solange nur Meinungen geäußert werden, die ihm selbst gefallen.

Ich sehe das Problem daher nicht im Grundgesetz. Im Gegenteil. Sein normativer Gehalt ist weltweit geachtet und von herausragender Bedeutung. Das Problem entsteht, wenn wir die Kenntnis einer Norm mit ihrer Verinnerlichung verwechseln.


Ich will dies prägnant auf den Punkt bringen: Das Wissen kann äußerlich bleiben. Dann steht die Regel zwar zur Verfügung, aber sie steuert das Verhalten nicht zwangsläufig, sobald Stress, Gruppendruck, eigener Vorteil oder eine moralisch uneindeutige Situation hinzukommen. Genau dort beginnt aber die eigentliche Bewährungsprobe von Werten.


Die Hausordnung muss von der Wand verschwinden

Ich finde dafür das Bild einer Hausordnung hilfreich: Solange die Hausordnung an der Wand hängt, bleibt sie zunächst eine äußere Vorschrift. Man hält sich daran, weil der Hausmeister kontrolliert, der Lehrer zusieht, der Vorgesetzte Konsequenzen androht oder der Staat Sanktionen verhängen kann.

Doch irgendwann sollte die Hausordnung gewissermaßen von der Wand verschwinden. Man braucht sie dort nicht mehr. Nicht weil ihre Regeln bedeutungslos geworden wären, sondern weil ihr wesentlicher Inhalt im Menschen angekommen ist.


Ich werfe meinen Müll dann nicht deshalb in den Papierkorb, weil gerade jemand hinsieht. Ich halte ein Versprechen nicht nur deshalb, weil ich andernfalls verklagt werden könnte. Ich behandle einen anderen Menschen nicht deshalb anständig, weil mir ein Verhaltenskodex dies vorschreibt. Ich tue es, weil es meiner Vorstellung davon entspricht, wie man sich verhält. Die äußere Regel ist zu einer inneren Orientierung geworden.

Und genau darin liegt der Übergang von bloßer Regelbefolgung zur Wertekompetenz.


Werte als innere „Ordner“

Besonders wichtig sind mir solche verinnerlichten Orientierungen in komplexen Situationen, denn die moderne Welt lässt sich nicht für jeden Einzelfall mit Regeln versehen. Kein Gesetzbuch, keine Dienstanweisung und keine Compliance-Richtlinie können sämtliche Situationen vorwegnehmen, in denen ein Mensch entscheiden muss. Gerade dann aber übernehmen Werte eine Art Ordnungsfunktion. Wie sagen ältere Menschen oft: „Das tut man nicht".

Sie wirken also – bildlich gesprochen – wie innere Ordner. Sie helfen uns, Wahrnehmungen zu sortieren, Möglichkeiten zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Vieles davon geschieht, ohne dass wir jedes Mal einen ausdrücklichen moralischen Entscheidungsprozess beginnen.

Der ehrliche Mensch muss nicht jeden Morgen neu beschließen, heute nicht zu betrügen. Der verlässliche Mensch berechnet nicht bei jedem Versprechen, ob sich Zuverlässigkeit diesmal lohnt. Derjenige, der die Freiheit anderer als Wert begriffen hat, verteidigt sie idealerweise auch dann, wenn ihm die konkrete Meinung des anderen missfällt.

„Offener Aktenordner mit drei sortierten Reitern als Sinnbild für Werte als innere Ordner, die Wahrnehmungen und Entscheidungen strukturieren"
Ki generiert nach meiner Skizze

Genau darin sehe ich die anzustrebende Kompetenz: in der Fähigkeit, unter wechselnden Bedingungen selbständig zu handeln, ohne dass für mich in jeder Situation eine konkrete Anweisung vorliegt.


Kontrolle erzeugt Konformität – Haltung erzeugt Verlässlichkeit

Damit wird auch ein Unterschied deutlich, den wir in gesellschaftlichen Debatten meiner Ansicht nach viel zu wenig beachten: Regeln können Verhalten erzwingen. Werte können Verhalten tragen. Das ist nicht dasselbe.


Eine Vorschrift wirkt zunächst von außen. Ihre Wirksamkeit hängt deshalb häufig davon ab, ob ihre Einhaltung kontrolliert und ein Verstoß sanktioniert wird. Eine verinnerlichte Haltung funktioniert dagegen im besten Fall auch dann, wenn niemand zuschaut.

Ich will diesen Gegensatz so formulieren: Formale Regelbefolgung erzeugt Konformität, solange Kontrolle vorhanden ist; gelebte Haltung schafft Verlässlichkeit auch ohne Kontrolle.

Eine Gesellschaft, die ausschließlich auf Kontrolle angewiesen wäre, hätte deshalb ein gewaltiges Problem. Sie müsste für immer mehr Situationen immer detailliertere Vorschriften schaffen – und anschließend wiederum kontrollieren, ob diese Vorschriften eingehalten werden.


Eine Wertegesellschaft funktioniert anders. Sie braucht zwar selbstverständlich auch Recht und Regeln. Aber sie lebt zusätzlich von Menschen, die auch dort verantwortlich handeln, wo das Gesetz nicht jede Einzelheit vorgibt.

„Ein Auge als Sinnbild für äußere Kontrolle neben einem Anker als Sinnbild für innere Haltung, mit den Bildunterschriften 'Kontrolle erzeugt Konformität' und 'Haltung erzeugt Verlässlichkeit'"
KI generiert nach meiner Vorgabe

Kann man Werte überhaupt vermitteln?

Damit ergibt sich eine – auch für mich – sehr schwierige Frage: Wenn Werte nicht einfach gelehrt werden können wie Mathematik oder Vokabeln – können wir sie dann überhaupt vermitteln?

Ich denke: ja. Aber nicht allein durch Belehrung.


Wertevermittlung braucht natürlich auch Wissen. Wer Freiheit schätzen soll, sollte verstehen, was Freiheit bedeutet und weshalb frühere Generationen um sie kämpfen mussten. Wer Demokratie verteidigen soll, muss ihre Institutionen kennen.

Doch Wissen ist nur der Anfang.


Hinzu kommen Erfahrungen, Vorbilder, Verantwortung und Gemeinschaft. Kinder müssen erleben, dass Regeln auch für Erwachsene gelten. Jugendliche sollten erfahren, dass Freiheit mit Verantwortung verbunden ist. Wer Respekt fordert, muss selbst respektvoll handeln. Und wer von Ehrlichkeit spricht, darf nicht gleichzeitig vermitteln, dass Täuschung akzeptabel ist, sobald sie dem eigenen Vorteil dient.

Werte entstehen durch eine Kultur, in der abstrakte Begriffe eine konkrete Bedeutung bekommen. Oder wie ich es beim Ausgangsgedanken formuliert habe: Aus einer abstrakten Idee muss eine handlungsleitende Kraft werden.


Von der Ergriffenheit zur Kompetenz

Vielleicht liegt genau hier eine der wichtigsten Aufgaben jeder Wertegesellschaft. Wir müssen weniger darüber diskutieren, welche Begriffe Menschen aufsagen können, und stärker darüber, welche Haltungen sie tatsächlich entwickeln. Das ist allerdings mühsamer.


Man kann eine Unterrichtsstunde über Respekt planen. Respekt vorzuleben dauert aber Jahre. Wir Eltern und Lehrer wissen das sehr genau. Man kann einen Verhaltenskodex in wenigen Meetings verabschieden. Eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der sich Menschen aber auch unter Druck anständig verhalten, dauert sehr viel länger. Und man kann Werte in Gesetze schreiben. Aber kein Parlament der Welt kann beschließen, dass Menschen diese Werte von morgen an tatsächlich empfinden.


Recht bleibt unverzichtbar. Bildung ebenso. Doch beide erreichen ihr eigentliches Ziel erst dort, wo aus äußerer Orientierung eine innere Haltung entsteht. Dann hängt die Hausordnung nicht mehr nur an der Wand. Sie steckt in uns.


Und vielleicht erkennt man einen Menschen mit wirklichen Werten genau daran: Er tut in einer schwierigen Situation nicht deshalb das Richtige, weil jemand es ihm vorgeschrieben hat. Er tut es, weil er gar nicht mehr jedes Mal neu überlegen muss, ob es richtig ist.


Aus Wissen ist Haltung geworden. Aus Haltung entsteht Orientierung. Und aus verinnerlichten Werten wächst schließlich jene Form von Kompetenz, auf die eine freie Gesellschaft besonders angewiesen ist: selbständig und verantwortlich handeln zu können, gerade dann, wenn niemand zuschaut.

 

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