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„Dollar für Dollar“ – Kanada schlägt zurück

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
30. Sept.
6 Min. Lesezeit

Warum der Zollstreit mit den USA zeigt, dass Handelspolitik längst wieder Machtpolitik ist


Am Morgen des 8. September 2026 fuhr ein amerikanischer Lastwagen über die kanadische Grenze. Seine Ladung könnte aus Haushaltsgeräten bestanden haben, aus Werkzeugmaschinen, Stahlprodukten oder landwirtschaftlichen Geräten. An der Ware selbst hat sich über Nacht nichts verändert, aber an ihrem Preis sehr wohl.

Seit 0.01 Uhr erhob Kanada neue Gegenzölle von 15, 25 und 50 Prozent auf amerikanische Waren im Umfang von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar. Betroffen sind unter anderem Stahl und Aluminium, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, Maschinen, Papier, Holzprodukte und Elektronik. Ottawa hat für seine Antwort eine bemerkenswert unmissverständliche Formel gewählt: „dollar for dollar“ – Dollar für Dollar. Washington erhebt Zoll. Ottawa erhebt Zoll. Washington erhöht auf 50 Prozent. Ottawa antwortet mit 50 Prozent. So schlicht kann Handelspolitik im Jahr 2026 aussehen und so gefährlich.

Denn was sich zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada abspielt, ist längst mehr als ein Streit über Importpreise. Es ist ein Lehrstück darüber, wie schnell der Zoll von einem wirtschaftspolitischen Instrument zu einem Mittel politischer Machtausübung werden kann.

Eine dramatische Illustration zeigt einen Lastwagen an einem Grenzübergang zwischen Kanada und den USA bei Sonnenaufgang. Über dem Kontrollpunkt hängen Schilder für Kanada und die Vereinigten Staaten, daneben sind große Nationalflaggen, Zollstempel mit 15, 25 und 50 Prozent sowie industrielle Güter wie Stahlrollen, Kisten und Maschinen zu sehen. Das Bild verdeutlicht den eskalierenden Zollkonflikt und seine Wirkung auf Handel, Lieferketten und Machtpolitik.
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Kanada spiegelt die amerikanischen Zölle

Der unmittelbare Anlass liegt in Washington. Die Vereinigten Staaten hatten bekanntlich im August Zölle von bis zu 50 Prozent auf kanadische Waren verhängt und dabei auf Section 338 des Tariff Act von 1930 zurückgegriffen. Kanada reagierte am 8. September mit weitgehend spiegelbildlichen Maßnahmen. Die kanadische Regierung bestätigt ausdrücklich, dass Waren im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar betroffen sind und die jeweiligen Sätze von 15, 25 und 50 Prozent den amerikanischen Belastungen entsprechen sollen. Zu den besonders betroffenen Bereichen gehören Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, Landmaschinen, Zellstoff und Papier sowie Elektronik.

Das ist klassische Retorsionspolitik. Das Motiv verschiebt sich vom Schutz zur Vergeltung. Und genau an diesem Punkt wird aus Zollpolitik Machtpolitik.


Ein Gesetz von 1930 kehrt zurück

Für mich besitzt dieser Konflikt noch eine zweite, fast historische Pointe. Die amerikanische Rechtsgrundlage stammt aus dem Jahr 1930. Section 338 ist Teil jenes Tariff Act, der untrennbar mit der protektionistischen Wende der Vereinigten Staaten zu Beginn der dreißiger Jahre verbunden ist. Das Gesetz ist vor allem unter dem Namen Smoot-Hawley Tariff Act in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen.

In meinem Buch „Machtinstrument Zoll“ (BoD, 2026) habe ich ausführlich beschrieben, dass Zölle selten nur das sind, was ihre technische Definition vermuten lässt: eine Abgabe auf eingeführte Waren. Hinter ihnen stehen Interessen, Verhandlungsmacht, innenpolitische Koalitionen und nicht selten außenpolitischer Druck. 2026 können wir diese Mechanismen nahezu in Echtzeit beobachten.

Ein Instrument aus der handelspolitischen Welt von 1930 wird fast hundert Jahre später wieder zum Hebel amerikanischer Handelspolitik. Das allein sollte nachdenklich stimmen. Denn die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber ihre Instrumente besitzen mitunter ein erstaunlich langes Gedächtnis.


Der Zoll wird zur Sprache der Macht

Präsident Trump begründet den Einsatz von Section 338 mit einer Benachteiligung amerikanischer Unternehmen durch kanadische Handelspraktiken. Besonders im Automobilsektor, bei Milchprodukten und alkoholischen Getränken sieht Washington diskriminierende Maßnahmen. Doch nach den kanadischen Gegenzöllen folgte nicht etwa eine Phase der Beruhigung. Am selben 8. September unterzeichnete Trump fünf weitere Proklamationen. Das Weiße Haus kündigte zusätzliche Zölle und bei bestimmten kanadischen Produkten sogar Importverbote an. Einige dieser Verbote sollen nun Ende September wirksam werden.

Damit entsteht jene Eskalationsspirale, die aus früheren Handelskonflikten wohlbekannt ist: Zoll erzeugt Gegenzoll. Gegenzoll erzeugt höheren Zoll. Der höhere Zoll erzeugt neue Gegenmaßnahmen.

Jede Seite kann anschließend behaupten, lediglich auf die vorherige Maßnahme der anderen reagiert zu haben. Das ist zwar politisch bequem, ökonomisch jedoch weniger überzeugend.


Denn am Ende verzollt man sich selbst

Ein Zoll trifft zunächst den Importeur. Der amerikanische Hersteller verschwindet nicht automatisch vom Markt, nur weil Kanada auf seine Ware 25 oder 50 Prozent Zoll erhebt. Zunächst verteuert sich die Einfuhr. Je nach Marktstruktur wird ein Teil dieser Belastung vom amerikanischen Anbieter getragen, ein anderer Teil vom kanadischen Importeur und schließlich vom Verbraucher. Dass die kanadische Regierung gleichzeitig ein Hilfspaket von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar für betroffene Unternehmen und Arbeitnehmer bereitstellt, zeigt das Problem beinahe unfreiwillig.

Die Regierung verteidigt ihre Wirtschaft gegen ausländische Zölle – und muss zugleich jene Unternehmen unterstützen, die unter den Folgen dieser Verteidigung leiden. Das ist kein kanadisches Kuriosum, es gehört zur Logik eines Handelskrieges.

Die Kosten bleiben dabei nicht auf der anderen Seite der Grenze. Gerade zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten sind die Produktionsketten eng verflochten. Bauteile überqueren teilweise mehrfach die Grenze, bevor ein fertiges Produkt entsteht. Jeder zusätzliche Zoll wirkt deshalb nicht wie ein sauberer Schlag gegen den Gegner. Er ähnelt eher einem Hammer, mit dem man auf eine gemeinsame Werkbank schlägt. Man trifft den anderen. Aber die eigene Hand liegt ebenfalls darauf.

Infografik mit dem Titel „Dollar für Dollar – Kanada schlägt zurück“. In vier nummerierten Feldern werden der Auslöser in Washington, Kanadas Antwort mit Gegenzöllen, betroffene Waren wie Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte und Elektronik sowie die politischen und wirtschaftlichen Risiken des Konflikts erklärt. Unten wird hervorgehoben, dass 2024 rund 76 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA gingen.
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Und Kanada weiß um seine Verwundbarkeit

Hinzu kommt eine erhebliche Asymmetrie. Die Vereinigten Staaten sind für Kanada kein gewöhnlicher Handelspartner. Sie sind der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt. 2024 gingen noch knapp 76 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA. Während des Handelskonflikts sank dieser Anteil zeitweise unter 70 Prozent – gerade dieser Rückgang zeigt jedoch, wie groß die strukturelle Abhängigkeit weiterhin ist. Damit entsteht ein interessantes strategisches Problem.

Bei einem symmetrischen Handelskonflikt können beide Seiten hoffen, dass der Gegner zuerst nachgibt. Hier sind die Ausgangspositionen aber unterschiedlich. Kanada kann den Vereinigten Staaten durchaus Schmerzen zufügen. Doch ein länger anhaltender Handelskrieg trifft die eigene, die kanadische Wirtschaft relativ stärker. Warum also geht Premierminister Mark Carney diesen Weg? Weil Zölle nicht nur ökonomische Instrumente sind. Sie sind Signale. „Dollar für Dollar“ – Kanada schlägt zurück.


„Dollar für Dollar“ – Kanada schlägt zurück richtet sich auch nach innen

Die Formel „dollar for dollar“ ist ökonomisch keineswegs zwingend. Warum sollte der optimale kanadische Zoll zufällig exakt dem amerikanischen Zoll entsprechen? Dafür gibt es keine ökonomische Gesetzmäßigkeit. Politisch hingegen ist die Formel brillant. Sie vermittelt Gleichrangigkeit. Ihr erhöht um 50 Prozent? Wir ebenfalls. Ihr belastet Waren im Umfang von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar? Wir antworten mit demselben Volumen. Die Botschaft richtet sich deshalb nicht allein an Donald Trump. Sie richtet sich an die kanadische Bevölkerung: Wir lassen uns nicht unter Druck setzen.

Der Zoll übernimmt damit eine Funktion, die weit über Handelspolitik hinausgeht. Er demonstriert Souveränität. Dass ein solcher Kurs innenpolitisch Zustimmung finden kann, überrascht nicht. Niemand möchte den Eindruck erwecken, das eigene Land lasse sich von einem mächtigeren Nachbarn Bedingungen diktieren. Nur darf man politische Standhaftigkeit nicht mit ökonomischer Vorteilhaftigkeit verwechseln. Beides kann zusammenfallen, es muss aber nicht.


Kanada und Europa – zwei Strategien

Gerade deshalb ist der Vergleich mit Europa interessant. Die Europäische Union reagiert auf amerikanischen Druck bislang vorsichtiger. Sie hält Gegenmaßnahmen in Reserve, versucht aber, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Kanada dagegen wählt die sichtbarere Konfrontation. Man kann die europäische Haltung als schwach kritisieren und die kanadische als standfest loben. Man kann umgekehrt argumentieren, Europa handle rationaler, weil ein Zollkrieg selten Gewinner hervorbringt. Ich denke, beide Sichtweisen greifen zu kurz. Entscheidend ist die jeweilige Verhandlungslage.

Ein Gegeninstrument kann notwendig sein, damit die andere Seite überhaupt einen Anreiz zur Verhandlung besitzt. Wer glaubhaft niemals zurückschlägt, schwächt seine eigene Position. Ordnungspolitisch folgt daraus jedoch keineswegs, dass jeder Zoll mit einem gleich hohen Gegenzoll beantwortet werden sollte. Vergeltung ersetzt noch keine Strategie.


Selbst das Freihandelsabkommen schützt nicht mehr vor dem Machtkampf

Besonders bemerkenswert ist schließlich, dass diese Eskalation innerhalb eines eigentlich hochintegrierten nordamerikanischen Handelsraums stattfindet.

CUSMA beziehungsweise USMCA besteht weiterhin. Bei der Überprüfung im Juli 2026 wollten Kanada und Mexiko das Abkommen um weitere 16 Jahre verlängern. Die Vereinigten Staaten stimmten dem nicht zu. Damit wurde das Abkommen aber nicht beendet. Es bleibt bis 2036 in Kraft, wird nun jedoch jährlich überprüft.

Auch das ist politisch bedeutsam. Denn Handelsabkommen sollten eigentlich Unsicherheit reduzieren. Nun wird ausgerechnet die regelmäßige Überprüfung selbst zu einem politischen Druckmittel. Unternehmen investieren jedoch langfristig. Fabriken, Lieferketten und Produktionsstandorte lassen sich nicht im Jahresrhythmus neu planen.

Wo Handelspolitik unberechenbar wird, steigt deshalb eine Art unsichtbarer Zoll: die Unsicherheits- bzw. Risikoprämie. Sie erscheint auf keiner Zollrechnung, aber Unternehmen zahlen sie trotzdem.


Der Zoll ist zurück – aber nicht allein als Schutzinstrument

Der kanadisch-amerikanische Konflikt vom September 2026 zeigt deshalb sehr deutlich, was ich mit dem Begriff „Machtinstrument Zoll“ (BoD, 2026) meines Buches meine.

Der Zoll soll inzwischen gleichzeitig schützen, bestrafen, verhandeln, abschrecken, innenpolitische Stärke demonstrieren und außenpolitische Zugeständnisse erzwingen. Damit kehrt ein Instrument zurück, das die liberale Handelsordnung nach 1945 eigentlich begrenzen wollte. Vielleicht besteht die eigentliche Ironie darin, dass Kanada und die Vereinigten Staaten wirtschaftlich enger miteinander verflochten sind als fast jede andere größere Staatengruppe – und gerade deshalb so viele Ansatzpunkte besitzen, einander weh zu tun. Ökonomische Verflechtung verhindert Machtpolitik aber offenbar nicht. Sie verändert nur ihre Mittel.

Am 8. September 2026 hat Kanada gezeigt, dass es bereit ist, diese Mittel ebenfalls einzusetzen. Ob daraus Verhandlungsmacht entsteht oder lediglich die nächste Runde eines Handelskrieges, wird sich erst zeigen. Eines allerdings lässt sich bereits feststellen: Wo ein Zoll mit „Dollar für Dollar“ beantwortet wird, geht es längst nicht mehr nur um Handel. Es geht um Macht.

 

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