Hamiltons Erbe

Warum Schutzpolitik zur amerikanischen Gründungsgeschichte gehört
Viele denken: die USA seien die eigentliche treibende Kraft und der natürliche Vorkämpfer des weltweiten Freihandels. Wenn Washington heute zu Zöllen greift, Strafabgaben verhängt oder über Subventionsgesetze wie den Inflation Reduction Act und den CHIPS and Science Act heimische Schlüsselindustrien abschirmt, wird dies oft als radikaler Bruch mit der amerikanischen Tradition wahrgenommen.
Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt jedoch ein ganz anderes Bild: Die Vorstellung, die USA seien historisch stets eine reine Freihandelsmacht gewesen, ist nämlich ein Mythos.
Vielmehr ist die Schutzpolitik quasi in der Gründungs-DNA der amerikanischen Republik verwurzelt. Ihr geistiger Vater heißt nicht Adam Smith oder David Ricardo, sondern Alexander Hamilton.
Der Gründervater als Stratege: Hamiltons „Report on Manufactures“
Als Alexander Hamilton 1789 der erste Finanzminister der jungen Nation wurde, stand das Land vor zwei existenziellen Problemen: Es war -wie heute- hoch verschuldet, und seine Wirtschaft bestand fast ausschließlich aus Landwirtschaft. Industriell war die ehemalige Kolonie vollständig von der damaligen „Werkstatt der Welt“ abhängig: Großbritannien.
Bereits der Tariff Act von 1789 machte Zölle zur wichtigsten Einnahmequelle des Bundes. Doch Hamilton dachte weit über das bloße Füllen der Staatskasse hinaus. In seinem berühmten „Report on Manufactures“ von 1791 formulierte er das bis heute wirkmächtige Infant-Industry-Argument (den Erziehungszoll):
Junge, aufstrebende Industrien benötigen vorübergehenden Schutz vor übermächtiger ausländischer Konkurrenz, um Größenvorteile (Skaleneffekte) zu realisieren und technologische Rückstände aufzuholen.
Hamilton lehnte die klassische Vorstellung ab, dass sich die USA gemäß David Ricardos Modell einfach auf ihre bestehenden komparativen Vorteile – nämlich die Rohstoff- und Agrarproduktion – beschränken sollten. Sein Ziel war es, komparative Vorteile durch gezielte staatliche Schutzpolitik erst aktiv zu erschaffen.

Für Hamilton verband die Zollpolitik also drei untrennbare Pfeiler:
Industrieller Aufbau: Schutz junger Fertigungszweige.
Fiskalische Stabilität: Finanzierung des föderalen Staatsapparats (eine dauerhafte Bundeseinkommensteuer gab es erst ab 1913).
Nationale Souveränität: Wirtschaftliche Eigenständigkeit als Fundament politischer Unabhängigkeit.
Das 19. Jahrhundert: Das Hochzoll-Land USA
Während Großbritannien ab 1846 mit der Abschaffung der Getreidezölle (Corn Laws) den Freihandel zum Dogma erhob – schlicht, weil die überlegene britische Industrie keine Konkurrenz fürchten musste –, wählten die USA den entgegengesetzten Weg.
Der Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch beschrieb dieses Phänomen treffend als das große Paradoxon des 19. Jahrhunderts: Großbritannien predigte Freihandel aus einer Position der Stärke heraus, während die aufholenden Nationen – allen voran die USA und später das Deutsche Reich – ihre Industrialisierung hinter hohen Zollmauern vollzogen.
In den USA führte dies zu heftigen inneren Zerreißproben:
Nord vs. Süd: Der industrialisierte Norden verlangte Schutzzölle für Stahl, Eisenbahn und Textil; der agrarische Süden wollte billige Industrieimporte und offene Exportmärkte für seine Baumwolle.
Nullifikationskrise (1832–33): Der berüchtigte „Tariff of Abominations“ von 1828 trieb South Carolina fast zur Abspaltung.
Die Phase nach dem Bürgerkrieg: Nach dem Sieg der Nordstaaten 1865 fielen die letzten Hürden für den Protektionismus. Mit Tarifen wie dem Morrill Tariff (1861), dem McKinley Tariff (1890) und dem Dingley Tariff (1897) blieben die USA während der ersten Globalisierungswelle (1870–1914) eines der Länder mit den höchsten Zollsätzen der Welt.
Zwar war der Zollschutz nicht die einzige Ursache für den rasanten US-Aufstieg – wie neuere Forschungen etwa von Douglas A. Irwin mit Blick auf den riesigen Binnenmarkt und Innovationsgeist betonen –, doch bildete er den verlässlichen Schild, hinter dem die US-Schwerindustrie überhaupt erst weltmarktfähig werden konnte.
Kontinuität bis in die Gegenwart: Hamiltons Comeback
Erst nach dem Desaster des Smoot-Hawley Tariff Act von 1930 und dem Beginn exekutiver Handelsabkommen ab 1934 wandelten sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zum Architekten der multilateralen Handelsordnung (GATT / spätere WTO).
Doch diese Freihandelsära erweist sich im historischen Rückspiegel eher als eine strategische Episode denn als unverrückbarer Wesenskern der US-Politik.

Wenn heute – parteiübergreifend von Republikanern wie Demokraten – Zölle gegen asiatische Überkapazitäten verhängt, Halbleiterfabriken im eigenen Land subventioniert und Lieferketten „reshoring“-Programmen unterworfen werden, dann ist das keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Es ist die Rückkehr zu Alexander Hamiltons Gründungsgedanken: Dass eine Großmacht ihre technologische und industrielle Basis nicht der reinen Preislogik des globalen Marktes überlassen darf, wenn sie ihre geopolitische Handlungsfähigkeit bewahren will.
Ausführliche Analysen, Quellen und historische Daten zu diesem Thema finden Sie in meinem Buch „Machtinstrument Zoll – Zollpolitik im Wandel der Globalisierung“ (insb. Kapitel 6.4 und 11.1).


