top of page

Section 232: Wie Donald Trump Zölle mit nationaler Sicherheit begründet

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
29. Aug.
5 Min. Lesezeit

Kann Trump damit auch Zollpolitik am Kongress vorbei gestalten?


Haben Sie sich auch schon mal gewundert, warum Donald Trump nahezu jeden Zoll mit der „nationalen Sicherheit“ begründet?


Zölle waren für Donald Trump nie nur ein Instrument der Handelspolitik. In seiner zweiten Amtszeit ist noch deutlicher geworden, dass er sie in einen größeren strategischen Zusammenhang stellt: Industriepolitik, Versorgungssicherheit und militärische Handlungsfähigkeit sollen zusammengedacht werden. Die zugespitzte Formel dafür lautet: „Economic security is national security“ – wirtschaftliche Sicherheit ist nationale Sicherheit. Bis 2026 hat sich dieses Argument von einer politischen Begründung zu einem dauerhaft eingesetzten Instrument amerikanischer Wirtschaftspolitik entwickelt.


Mir leuchtet das zunächst ein: Ein Land, das im Ernstfall weder ausreichend Stahl noch kritische Rohstoffe oder zentrale industrielle Vorprodukte herstellen kann, macht sich abhängig. Doch genau hier beginnt für mich die Kontroverse: Wo endet legitime Vorsorge – und wo beginnt Protektionismus unter dem Etikett der nationalen Sicherheit?


Section 232: Ein Gesetz von 1962 wird zum mächtigen Werkzeug

Die US-Verfassung (Artikel I, Section 8) gibt eigentlich dem Kongress die Macht, Zölle zu erheben und den Außenhandel zu regeln. Der Präsident hat eigentlich keine eigene, inhärente verfassungsrechtliche Befugnis, Zölle zu verhängen. Aber: Der Kongress hat diese Kompetenz jedoch in mehreren Gesetzen an den Präsidenten abgegeben. Section 232 des Trade Expansion Act von 1962 ist eine der wichtigsten und weitreichendsten dieser Delegationen. Das Gesetz erlaubt nämlich dem amerikanischen Präsidenten, Importe durch Zölle, Quoten oder andere Maßnahmen zu beschränken, wenn das US-Handelsministerium nach einer Untersuchung zu dem Ergebnis kommt, dass Umfang oder Bedingungen dieser Einfuhren die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohen oder beeinträchtigen.

Kapitolgebäude als Sinnbild für den Kongress, verbunden durch einen mit „Section 232" beschrifteten Pfeil mit einem Schild mit Stern als Sinnbild für den Präsidenten, als Illustration der gesetzlichen Zolldelegation
Ki generiert nach meiner Skizze

Mit der Section 232 kann Trump Zollpolitik also weitgehend am Kongress vorbei gestalten, solange er den Verfahrensweg (Untersuchung + Sicherheitsbegründung) einhält. Der Kongress hat die Macht de facto abgegeben und sie bisher nicht zurückgeholt. Das macht das Instrument politisch und rechtlich besonders wirksam – und erklärt, warum es unter Trump so intensiv genutzt und ausgeweitet wird.

Bemerkenswert finde ich, wie weit der Sicherheitsbegriff gefasst ist.


Berücksichtigt werden nicht nur unmittelbar militärische Erfordernisse, sondern beispielsweise:

  • die heimische Produktionskapazität für den Verteidigungsbedarf,

  • die Verfügbarkeit strategisch wichtiger Ressourcen,

  • Auswirkungen auf die wirtschaftliche Wohlfahrt,

  • sowie ausdrücklich die Verbindung zwischen wirtschaftlicher und nationaler Sicherheit.


Section 232 lässt dem Präsidenten deshalb erheblichen politischen Spielraum. Hinzu kommt, dass amerikanische Gerichte traditionell zurückhaltend sind, präsidiale Entscheidungen auf dem Gebiet der nationalen Sicherheit zu überprüfen.

Damit besitzt der Präsident ein handelspolitisches Werkzeug, das erheblich weiter reicht als klassische Antidumping- oder Antisubventionsmaßnahmen.


2018: Stahl und Aluminium werden zur Sicherheitsfrage

In Trumps erster Amtszeit zeigte sich erstmals, welche Bedeutung Section 232 bekommen konnte.

2017 und 2018 untersuchte das Handelsministerium die Lage der amerikanischen Stahl- und Aluminiumindustrie. Die Diagnose lautete: Hohe Importe und weltweite Überkapazitäten – insbesondere im Zusammenhang mit China – hätten die US-Produzenten geschwächt und deren Kapazitätsauslastung verringert. Stahlimporte lagen damals fast viermal so hoch wie die entsprechenden Exporte; bei Aluminium bestand eine erhebliche Importabhängigkeit.

Trump reagierte im März 2018 mit:

  • 25 Prozent Zoll auf Stahl

  • 10 Prozent Zoll auf Aluminium

Später folgten Ausnahmen, Quotenregelungen und die Einbeziehung bestimmter weiterverarbeiteter Produkte.


Ein Detail finde ich dabei besonders aufschlussreich: Selbst der damalige Verteidigungsminister James Mattis, der den Schutz der industriellen Basis grundsätzlich unterstützte, wies darauf hin, dass der unmittelbare militärische Bedarf lediglich ungefähr drei Prozent der amerikanischen Stahlproduktion ausmachte. Er bevorzugte daher stärker zielgerichtete Maßnahmen.

Genau an diesem Punkt entzündet sich für mich die eigentliche Debatte: Ging es tatsächlich um militärische Sicherheit – oder eigentlich um die Stabilisierung ganzer Industriezweige?


Die zweite Amtszeit: Aus der Ausnahme wird ein System

Seit 2025 hat Trump die Anwendung von Section 232 erheblich ausgeweitet.

Die bestehenden Stahl- und Aluminiummaßnahmen wurden verschärft; für zahlreiche Produkte stiegen die Sätze zunächst auf 25 Prozent und anschließend sogar auf 50 Prozent. Gleichzeitig wurde der Anwendungsbereich auf immer mehr weiterverarbeitete Erzeugnisse erweitert.

Darüber hinaus rückten zahlreiche neue Sektoren in den Mittelpunkt von Untersuchungen und Maßnahmen. Dazu gehören unter anderem:

  • Kupfer,

  • Autos und Autoteile,

  • Lastwagen und Busse,

  • Holz,

  • kritische Mineralien,

  • Halbleiter,

  • pharmazeutische Produkte.

Bis 2026 liefen weitere Untersuchungen. Das Grundmuster blieb stets ähnlich: Zu große Importabhängigkeit schwäche amerikanische Produktionskapazitäten und gefährde damit langfristig Verteidigung, kritische Infrastruktur und Versorgungssicherheit.

Für mich zeigt das vor allem eines: Der Begriff der nationalen Sicherheit wird hier bewußt erheblich breiter gefasst als in seinem klassischen militärischen Verständnis.


Trumps Logik: Was nützt eine Armee ohne industrielle Basis?

O.k., das muss ich zugestehen: Die Argumentation der Administration besitzt durchaus eine innere Logik.

Ein Industriestaat benötigt im Krisenfall Produktionskapazitäten. Fabriken, Fachkräfte, Zulieferer und Rohstoffversorgung lassen sich nicht über Nacht aufbauen. Wer jahrelang immer größere Teile seiner strategischen Produktion ins Ausland verlagert, könnte in einer militärischen oder geopolitischen Krise feststellen, dass Geld allein keine Versorgung garantiert.

Die Administration argumentiert deshalb im Kern:

Hohe Importe und teilweise staatlich geförderte Überkapazitäten im Ausland schwächen die heimische Produktion. Sinkende Auslastung wiederum erschwert Investitionen. Gehen Produktionsanlagen, Fachwissen und Lieferketten dauerhaft verloren, kann die Industrie im Krisenfall nicht schnell genug hochgefahren werden. Besonders problematisch sei dies bei Stahl, Aluminium, Kupfer und anderen Gütern, die sowohl für Verteidigung als auch für kritische Infrastruktur erforderlich sind.

Aus dieser Perspektive sind Zölle nicht nur Schutzmaßnahmen für Unternehmen. Sie sollen Produktionskapazitäten erhalten, die der Markt unter normalen Bedingungen womöglich nicht ausreichend honoriert.


Die Kehrseite: Wann wird Sicherheit zum Universalargument?

Gerade die Weite dieser Argumentation macht Section 232 aus meiner Sicht jedoch problematisch.

Erstens: Der Protektionismus-Vorwurf. Wenn der unmittelbare militärische Stahlbedarf nur rund drei Prozent der US-Produktion ausmacht, erscheint ein umfassender Schutz der gesamten Industrie schwer allein mit Verteidigungsnotwendigkeiten zu erklären. Kritiker sehen darin auch klassische Industriepolitik unter einem sicherheitspolitischen Deckmantel.

Zweitens: Auch Verbündete werden getroffen. Ein erheblicher Teil der Stahl- und Aluminiumimporte stammt gar nicht aus gegnerischen Staaten, sondern aus Kanada, der EU, Japan oder Südkorea. Zölle können deshalb industrielle Partner schwächen, mit denen die USA zugleich sicherheitspolitisch kooperieren. Das erzeugt einen bemerkenswerten Widerspruch: Eine Maßnahme, die nationale Sicherheit stärken soll, kann Bündnisbeziehungen belasten.

Drittens: Zölle verteuern Vorprodukte. Was Stahlproduzenten schützt, belastet Autobauer, Maschinenbauer, Bauunternehmen und Konsumgüterhersteller. Gerade diese nachgelagerten Branchen beschäftigen erheblich mehr Menschen als die geschützten Grundstoffindustrien. Analysten verweisen deshalb auf höhere Preise, mögliche Arbeitsplatzverluste und einen Prozess des „cascading protectionism“: Werden zunächst Grundstoffe geschützt, fordern anschließend deren Verarbeiter ebenfalls Schutz.

Viertens: Der inflationäre Gebrauch der "nationalen Sicherheit" höhlt die demokratische Institution "Kongress" zunehmend aus.


Der Konflikt mit der WTO

Auch handelspolitisch ist die amerikanische Linie brisant.

Mehrere WTO-Panels kamen 2022 zu dem Ergebnis, dass die amerikanischen Stahl- und Aluminiumzölle gegen GATT-Regeln verstießen. Nach Auffassung der Panels lag keine Kriegs- oder vergleichbare Notlage in den internationalen Beziehungen vor, die eine Berufung auf die Sicherheitsausnahme rechtfertigte.

Washington akzeptierte diese Sichtweise -wie erwartet- jedoch nicht. Die USA argumentierten vielmehr, Entscheidungen über nationale Sicherheit seien grundsätzlich „self-judging“ – also Sache des jeweiligen Staates – und internationalen Gerichten nicht zugänglich.

Dahinter steckt für mich eine grundsätzliche Frage: Wenn jeder Staat selbst bestimmen kann, was nationale Sicherheit bedeutet, wie belastbar bleiben dann internationale Handelsregeln?


Resilienz oder Protektionismus?

Trumps entscheidende handelspolitische Innovation liegt daher möglicherweise weniger in einzelnen Zollsätzen als in einer neuen Begründungslogik.


Er hat wirtschaftliche Abhängigkeit systematisch zu einer Sicherheitsfrage gemacht. Der Erhalt heimischer Produktionskapazitäten wird damit nicht mehr allein mit Arbeitsplätzen, Wachstum oder Wettbewerbsfähigkeit begründet, sondern mit staatlicher Handlungsfähigkeit.


Dieses Argument überzeugt mich aber nur in Teilen. Pandemie, geopolitische Spannungen und fragile Lieferketten haben gezeigt, dass ökonomische Effizienz nicht das einzige Ziel einer Volkswirtschaft sein kann. Ein gewisses Maß an Resilienz hat einen realen Wert.


Doch gerade deshalb, meine ich, braucht der Sicherheitsbegriff Grenzen. Wird praktisch jede bedeutende Industrie als sicherheitsrelevant definiert, lässt sich fast jeder Zoll rechtfertigen. Kritiker warnen genau davor: Eine inflationäre Verwendung von Section 232 könnte die Sicherheitsausnahme entwerten, andere Staaten zu ähnlichen Maßnahmen ermutigen und das regelbasierte Handelssystem schrittweise aushöhlen- und die amerikanische Demokratie gleich mit.


Für mich lautet die entscheidende Frage deshalb nicht, ob wirtschaftliche Sicherheit zur nationalen Sicherheit gehört. Das tut sie zweifellos in bestimmten Bereichen.


Die schwierigere Frage lautet: Wie viel wirtschaftliche Unabhängigkeit braucht ein Staat wirklich – und wie viel Wohlstand ist er bereit, dafür zu bezahlen?


Genau an dieser Grenze zwischen notwendiger Resilienz und politisch bequemem Protektionismus entscheidet sich, ob Trumps Zollpolitik langfristig als strategische Neuorientierung oder als Gefahr für die internationale Handelsordnung in Erinnerung bleiben wird.

 

bottom of page