Vom Schutzzoll zum GATT: Warum die USA nach 1945 die Regeln änderten

Wenn Washington heute multilaterale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) blockiert oder unter Verweis auf nationale Sicherheitsinteressen eigenmächtig Strafzölle verhängt, wirkt das auf viele Beobachter wie ein Bruch mit der Nachkriegsordnung. Doch wer die Geschichte der internationalen Handelspolitik verstehen will, muss den Blick zurückwerfen: Warum wandelten sich die Vereinigten Staaten – über mehr als ein Jahrhundert ein Hort des Protektionismus – nach 1945 überhaupt zum obersten Baumeister des globalen Freihandels?
Die Antwort liegt für mich in einem tiefgreifenden Zusammenspiel von institutionellem Wandel, ökonomischer Dominanz und geopolitischer Sicherheitsstrategie.
Der Wendepunkt: Vom Kongressprotektionismus zur Exekutivliberalisierung
Bis in die Zwischenkriegszeit war die US-Zollpolitik stark durch den Kongress geprägt. Einzelne Interessengruppen und Industrielobbys rangen in den Parlamentskammern um Schutzklauseln für ihre Produkte. Der traurige Höhepunkt dieser Praxis war der Smoot-Hawley Tariff Act von 1930: Er trieb die Zölle auf rund 20.000 Güter in Rekordhöhen, löste eine weltweite Spirale aus Vergeltungszöllen (Retorsionsmaßnahmen) aus und vertiefte die Weltwirtschaftskrise dramatisch.
Aus diesem Desaster zogen die USA eine wegweisende institutionelle Konsequenz: Mit dem Reciprocal Trade Agreements Act (RTAA) von 1934 übertrug der Kongress die Befugnis zu Zollerleichterungen an den US-Präsidenten. Fortan verhandelte die Exekutive auf Basis des Reziprozitätsprinzips (Gegenseitigkeit). Damit verschoben sich die Machtgewichte in Washington grundlegend – exportorientierte Wirtschaftszweige gewannen Einfluss, während punktuelle Schutzinteressen gezähmt wurden.

Die Nachkriegsordnung: Macht und Sicherheitsstrategie (1945–1947)
Nach 1945 war die Ausgangslage eine völlig andere: Die USA standen als unangefochtene ökonomische und militärische Führungsmacht da. Sie verfügten über die intakteste Industrie, massive Produktivitätsvorsprünge und enorme Exportkapazitäten.
Die Etablierung des Bretton-Woods-Systems (1944) und des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT, 1947) war daher kein altruistischer Akt, sondern entsprang kühlem strategischem Kalkül:
1. Hegemoniale Marktöffnung: Als wirtschaftlich stärkste Nation benötigten die USA offene Auslandsmärkte für ihre eigenen Überschüsse.
2. Kalter Krieg & Bündnisstabilisierung: Der Wiederaufbau Westeuropas und Japans sollte durch wirtschaftliche Integration und Marktzugang gesichert werden, um den sowjetischen Einfluss einzudämmen.
3. Rechtsbindung als Stabilitätsanker: Basierend auf den Prinzipien der Meistbegünstigung (Art. I GATT), der Inländerbehandlung (Art. III GATT) und völkerrechtlich verbindlichen Zollobergrenzen (Bound Tariffs) sollte ein Rückfall in die verheerenden Handelskriege der 1930er-Jahre verhindert werden.
Über erfolgreiche Verhandlungsrunden hinweg – von der Kennedy-Runde (1964–1967) über die Tokio-Runde (1973–1979) bis hin zur Uruguay-Runde (1986–1994) – sanken die Industriezölle weltweit auf historische Tiefstände. Mit der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) 1995 erhielt dieses System mit dem verbindlichen Streitbeilegungsmechanismus (Dispute Settlement Understanding, DSU) sogar ein echtes internationales Schiedsgericht.
Die Ambivalenz des Freihandelshegemons
Trotz ihrer Rolle als Hüter des Systems gaben die USA ihre nationalen Kerninteressen nie vollständig auf:
• Agrarsektor: Die heimische Landwirtschaft wurde von Beginn an durch massive Subventionen und Sonderregeln gegen den Weltmarkt abgeschirmt.
• Selektiver Sektorschutz: Sobald heimische Schlüsselbranchen unter extremen Anpassungsdruck gerieten – wie in den 1970er- und 1980er-Jahren durch die Konkurrenz aus Japan –, reagierte Washington mit bilateralen Quoten, „freiwilligen Exportbeschränkungen“ und Schutzklauseln für die Stahl- und Automobilindustrie.
Die US-Handelspolitik des 20. Jahrhunderts folgte somit stets einem klaren Drei-Phasen-Muster:
• Kongressprotektionismus (bis 1934)
• Exekutivliberalisierung und hegemoniale Ordnung (1934 bis 1990er-Jahre)
• Ambivalente Globalisierung (seit den 1990er-Jahren)

Heutige Kontraste: Die Krise der multilateralen Ordnung
Die bedingungslose Unterstützung der multilateralen Ordnung hielt in den USA genau so lange, wie das Regelwerk den eigenen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zielen diente.
Mit dem rasanten Aufstieg Chinas, anhaltenden US-Leistungsbilanzdefiziten und dem Verlust von Produktionskapazitäten im industriellen Kernland kippte der innenpolitische Konsens. Seit Jahren blockieren die USA die Ernennung neuer Richter im WTO-Berufungsgremium und setzen vermehrt auf unilaterale Zölle, Industrieinterventionen und strategischen Außenhandel.
Die Lehre der Geschichte bleibt für mich eindeutig: Freihandel und Protektionismus sind keine moralischen Glaubenssätze, sondern ich sehe darin macht- und entwicklungsabhängige Instrumente. Die USA bauten das GATT- und spätere WTO-System auf, um globale Stabilität mit eigener wirtschaftlicher Führerschaft zu verbinden. Wenn sich die geopolitischen Machtverhältnisse verschieben, geraten dann natürlich unweigerlich auch die Institutionen unter Druck.
Ausführliche Analysen, Archivquellen und detaillierte Schaubilder zur Transformation von Bretton Woods, GATT und WTO finden Sie in meinem Buch „Machtinstrument Zoll – Zollpolitik im Wandel der Globalisierung“ (Kapitel 7.3 und 11.2).


