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Warum ich gerne ein Boomer bin!

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
10. Aug.
3 Min. Lesezeit

Jeder wird in eine Zeit hineingeboren, die er sich nicht ausgesucht hat. Ich denke, ich habe viel Glück gehabt mit meiner Zeit. Und manchmal, wenn ich wieder einmal das berühmte „Ok, Boomer“ höre oder lese, meine Tochter die Augen verdreht oder mein Sohn lacht, muss auch ich schmunzeln. Nicht aus Trotz, sondern aus einer stillen Zufriedenheit heraus. Denn während die Welt immer schneller, lauter und digitaler wird, sitze ich hier oder im Straßencafe und freue mich ganz ungeniert darüber, ein Boomer zu sein. Und ich meine das ernst – mit einem Augenzwinkern, und gewiss ohne jede Verbitterung.


Das hat noch Zeit" – Geduld als Statussymbol

Ich bin gerne ein Boomer, weil ich die Kunst des Wartens noch beherrsche. Ich kann an einer Bushaltestelle stehen, ohne sofort das Smartphone zu zücken. Ich kann auf einen Brief warten, auf ein Ergebnis, auf den richtigen Moment. In einer Zeit, in der alles sofort verfügbar sein muss, ist Geduld zu einem echten Luxus geworden. Und ich besitze diesen Luxus, weil ich ihn gelernt habe, als es noch keine andere Möglichkeit gab.

Illustration einer wartenden Person an einer Bushaltestelle neben einer Sanduhr – Sinnbild für Geduld als Boomer-Tugend.

Reparieren statt Swipen

Ich bin gerne ein Boomer, weil ich Dinge noch reparieren kann – und will. Ein wackeliger Stuhl, ein quietschendes Fahrrad, ein defekter Toaster: Statt sofort das nächste Modell zu bestellen, greife ich zum Schraubenzieher. Das ist nicht nur nachhaltig, es gibt mir auch ein Gefühl von Wirksamkeit. In einer Wegwerfgesellschaft, die alles als austauschbar betrachtet, ist das Beheben und Bewahren eine kleine, stille Rebellion. Meine beiden Enkelsöhne werden hoffentlich davon profitieren. Und ja, manchmal klappt es nicht. Dann lache ich über mich selbst und kaufe doch neu. Aber gut, der Versuch zählt ja auch.


Digga, lass uns reden – aber richtig

Ich bin gerne ein Boomer, weil ich echte Gespräche noch schätze. Nicht den digitalen Smalltalk, nicht die 47 Sprachnachrichten hintereinander, sondern das Sitzen am Tisch in der Küche, im Biergarten oder in einer Bäckerei, das Zuhören, das Nachfragen, das gemeinsame Schweigen. Ich weiß, wie es ist, jemandem in die Augen zu schauen, ohne dass dazwischen ein Bildschirm steht. Das macht Beziehungen tiefer, auch wenn sie manchmal anstrengender sind. Sonntags morgens 9 Uhr ist bekanntlch ein fester Termin für mich- zuhören, zusehen, Kaffeetrinken und über den Sinn oder den Unsinn der Welt zu philosophieren.


Früher war ich selbst der Zoomer

Natürlich war ich nicht immer der weise Alte. In meiner Jugend war auch ich rebellisch, laut, unangepasst. Mein Eigensinn und Freiheitsdrang haben meine Eltern mit stoischer Ruhe ertragen, Respekt! Auch wir haben gegen Regeln verstoßen, Musik zu laut gehört und die Welt verändern wollen. Heute sehe ich, dass genau diese Erfahrungen mich resilient gemacht haben. Ich habe Wirtschaftswunder, Ölkrisen, den kalten Krieg, Tschernobyl, den sauren Regen, Wiedervereinigung, Globalisierung und die digitale Revolution miterlebt. Ich musste mich mehrfach neu erfinden. Das gibt mir eine Perspektive, die jüngere Generationen (noch) nicht haben können – und die ich ihnen gerne weitergebe, ohne hoffentlich belehrend zu wirken.


Cringe trifft Weisheit: die Boomer-Zoomer-Brücke

Ich bin gerne ein Boomer, weil ich die Brücke bin. Zwischen analog und digital, zwischen gestern und morgen. Ich kann einem Zoomer erklären, warum man manchmal einfach anrufen oder hingehen sollten oder einfach einen Brief schreiben, statt eine whatsapp zu schreiben. Und ich kann von ihm lernen, wie man effizienter mit neuen Tools umgeht. Wir brauchen einander. Die einen bringen die Langsamkeit und die Erfahrung, die anderen die Geschwindigkeit und den frischen Blick. Zusammen sind wir stärker.

Illustration eines Boomers, der einen Brief schreibt

Früher war alles besser" – und andere Boomer-Ausrutscher

Klar, es gibt auch die Schattenseiten. Manche von uns klammern sich zu sehr an „früher war alles besser“. Manche sind zu skeptisch gegenüber Neuem. Und ja, wir haben die Welt nicht immer so hinterlassen, wie wir sie uns für unsere Kinder und Enkel gewünscht hätten. Aber genau deshalb freue ich mich, ein Boomer zu sein: Weil ich noch Zeit habe, etwas beizutragen. Weil ich aus Fehlern gelernt habe. Und weil ich inzwischen gelassen genug bin, über mich selbst und über die Klischees zu lachen.


Also: Ok, Boomer? Gerne. Ich bin einer. Und ich bin stolz darauf – nicht trotz, sondern wegen all der Eigenheiten, die man uns so gerne vorwirft. Denn in einer Welt, die immer schneller wird, sind wir die Hüter der Langsamkeit. Cool eben. Und manchmal ist genau das das Wertvollste, was man sein kann.

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