Sprachwandel: Warum reden wir eigentlich so, wie wir heute reden?

Manchmal verstehe ich meine Kinder einfach nicht. Als alleinerziehender Vater und in meiner langjährigen Arbeit mit Jugendlichen erlebte ich zwar hautnah, wie rasend schnell sich in den letzten Jahren Vieles verändert hat. Jedoch findet dieser Wandel nirgendwo so unerbittlich, grundlegend und gleichzeitig feinfühlig statt wie in dem Instrument, das wir tagtäglich als selbstverständlich erachten und nutzen: unserer Sprache.
O.k., wir sprechen natürlich nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren. Sprache wandelt sich immer. Doch die Redeweisen von heute tanzen zu einem ganz neuen Rhythmus: Wir haben keine Probleme mehr, sondern nur noch „Challenges“. Wir erleben Meinungsverschiedenheiten nicht mehr als sachliche Unterschiede, sondern als „toxisches Verhalten“ des Gegenübers. Wir streiten nicht mehr mit Argumenten, sondern erklären das Vorbringen des Gegenübers kurzerhand zu einem „Narrativ“. Und im Büro wie im Privaten betrachten wir uns plötzlich selbst wie eine Fabrik: Wir müssen „performen“, unseren „Output steigern“ oder stellen fest, dass unsere „Kapazitäten erschöpft“ und der „Akku leer“ ist.

Ich könnte das achselzuckend als Ergebnis einer veränderten Medienwelt abtun. Doch wer wie ich als Ordnungsökonom auf gesellschaftliche Systeme blickt, weiß: Sprache ist niemals neutral. Sie ist quasi die Software, auf der das gesamte gesellschaftliche Miteinander läuft. Und wenn sich die Begriffe verschieben, verschiebt sich auch das Denken. Man könnte sagen: wenn die Software fehlerhaft programmiert wird, gerät folgerichtig auch die Ordnung des Miteinanders ins Wanken.
Mit diesem Beitrag starte ich nun eine mehrteilige Blogserie. Ich möchte der Frage nachgehen: Warum reden wir eigentlich so, wie wir heute reden? Und- welche Folgen hat dies für uns alle?

Sprache als Seismograf der Wirklichkeit: Sprachwandel
In der Sprachwissenschaft besteht bekanntermaßen schon lange eine Kontroverse zwischen zwei Lagern. Auf der einen Seite stehen die Kulturpessimisten, sie sehen bei jeder Veränderung den Verfall des Abendlandes. Auf der anderen Seite finden sich die sogenannten deskriptiven Linguisten, Akademiker, die jeden noch so absurden Modetrend als harmlosen Sprachwandel abtun. Der Sprachwissenschaftler Rudi Keller formulierte es einst treffend: Was dem Laien wie Verfall erscheine, sei oft nur Wandel aus der Froschperspektive. Und schon 1899 wetterte Hermann Dunger in seinem Beitrag „Wider die Engländerei in der deutschen Sprache“ gegen fremde Einflüsse. Die Klage ist also über ein Jahrhundert alt, also nichts Neues.
Nun, ich selbst finde weder die Gleichgültigkeit der Wissenschaft noch das negative Reden über Kultur gut. Als Ökonom interessiert mich eher die Funktionslogik: Wörter sind Institutionen. Sie senken Transaktionskosten, können Vertrauen schaffen und Kooperationen ermöglichen. Wenn wir ein Wort nutzen, setzen wir einen Rahmen – als Fachbegriff Framing genannt.
Elisabeth Wehling hat in ihren Arbeiten eindrücklich gezeigt, dass Wörter im Gehirn sofort viele neuronale Netzwerke aus Erfahrungswissen und Bewertungen aktivieren. Wenn jemand über eine "Steuerlast" spricht, denkt man sofort an eine große Belastung, von der man befreit werden muss; wer jedoch von einem „Beitrag“ spricht, weckt das Bild von Gemeinschaft in sich.
Wir erleben heute jedoch eine große, ich finde zu große Verschiebung dieses Rahmens. Ich sehe vor allem sechs gesellschaftliche Kräfte, die unsere Sprache in die Zange nehmen und umformen:
Die Ökonomisierung der menschlichen Existenz: Die Begriffe der Betriebswirtschaftslehre haben die Fabrikhallen und Büros verlassen und sich tief in unsere Wohnzimmer und sogar in Beziehungen eingenistet. Ich will mich davon nicht ausschließen. Ausbildung und Beruf haben auch mich privat geprägt!
Die Psychologisierung des Alltags: Begriffe aus der Medizin in Bezug auf Krankheiten wandern unkontrolliert in die Alltagssprache ab und pathologisieren gewöhnliche Reibungen: normale menschliche Verhaltensweisen, Probleme oder Lebenskrisen werden als medizinische oder psychiatrische Krankheitsfälle betrachtet und schnell als „krankhaft“. „toxisch“ oder „gestört“ eingestuft.
Die Plattformökonomie und soziale Netzwerke: Algorithmen belohnen Zuspitzung, Emotionalität und Empörung. Eine PNAS-Studie aus dem Jahr 2024 hatte über Hunderte Millionen Kommentare untersucht und belegte eindeutig: Digitale Räume verkürzen Texte und reduzieren messbar die sprachliche Vielfalt.
Die Aufmerksamkeitsökonomie: Wenn Aufmerksamkeit die knappste Ressource der Welt ist, wird nur noch der Superlativ wertvoll.
Die verordnete Informalisierung: Das flächendeckende Duzen suggeriert eine Gleichheit, die nun wirklich nicht existiert.
Die moralische Polarisierung: Das zügige Anbringen von Etiketten nimmt die Stelle des ausführlichen Abwägens von Argumenten ein. Die Diskussion wird bendet, bevor sie begonnen wird.
Der Preis der sprachlichen Fast-Food-Kultur
Was geschieht abr mit einer Gesellschaft, wenn diese Kräfte das Ruder übernehmen? Die erste sichtbare Folge ist für mich der Rückzug der Nuancen.
Nicht nur in Gesprächen mit jungen Menschen stelle ich immer wieder fest, wie sehr eine Kultur des „Alles oder Nichts“ um sich greift: Eine unangenehme Situation wird sofort zum „Trauma“. Ein egoistischer Charakter ist nicht einfach unhöflich, sondern ein „Narzisst“. Und wer eine abweichende Meinung vertritt, äußert keine andere Perspektive, sondern agiert „problematisch“.
Der australische Psychologe Nick Haslam prägte hierfür den Begriff des Concept Creep – das begriffliche Ausfransen. Begriffe dehnen sich zunächst horizontal auf völlig neue Kontexte aus und wandern dann vertikal nach unten, sodass selbst mildeste Ausprägungen darunter subsumiert werden. Toxisch, also giftig, war früher ein Begriff aus der Biologie. Nun erreicht er alle Ebenen der Gesellschaft. Und selbst harmlose „ungiftige“ Dinge werden zu „toxisch“ erklärt.
Das Etikett ist dabei die sprachliche Fast-Food-Version des Urteils: rasch konsumiert, emotional sättigend, kognitiv billig, aber von verheerend geringem Nährwert. Sprachliches Fast-Food eben.
Denn wer schnell ein Etikett aufklebt, spart sich das Denken. Warum sollte ich mich mit den Argumenten eines Andersdenkenden auseinandersetzen, wenn ich ihn schlicht als „Boomer“, „Schwurbler“ oder „rechts“ abstempeln kann? Das Etikett beendet die Debatte, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Gleichzeitig verwandeln wir uns in unseren eigenen Sprachbildern zunehmend in Wirtschaftsbetriebe. Wenn Menschen heute davon sprechen, dass sie „an ihrem Mindset arbeiten“, „ihre Morning Routine optimieren“ oder ihr Beziehungsleben als „Beziehungsarbeit“ strukturieren, dann ist das nicht bloß albernes Imponiergehabe. Der Soziologe Ulrich Bröckling nannte dieses Phänomen das „unternehmerische Selbst“. Es ist die bedenkliche Verwandlung des Menschen in eine Ware, die sich auf dem Markt des Lebens permanent optimieren, präsentieren und verwerten muss. Wir haben die Sprache des Kapitals verinnerlicht und merken gar nicht mehr, wie sehr sie uns oft entmenschlicht.
Wohin führt uns diese Reise?
Als Verfechter der Ordnungsökonomie plädiere ich für verlässliche Spielregeln. Das gilt am Markt ebenso wie in Diskussionen. Wenn wir zulassen, dass unsere Sprache verarmt, dass sachliche Beschreibungen durch moralische Bannstrahlen ersetzt werden und jede Graustufe im Schwarz-Weiß-Getöse der sozialen Medien untergeht, dann verlieren wir mehr als nur schöne Worte: Wir verlieren die Urteilskraft.
Wir können komplexe Probleme nicht lösen, wenn wir sie sprachlich nicht mehr erfassen dürfen, weil sie zur „Chance“ verklärt werden müssen. Wir können Konflikte nicht befrieden, wenn jede Kritik sofort als existenzielle Bedrohung unserer Identität wahrgenommen wird. Und wir können keine freiheitliche Gesellschaft erhalten, wenn ein ehrliches, bescheidenes Eingeständnis wie „Ich weiß es nicht“ im Getöse der selbstgewissen Lautsprecher keinen Platz mehr findet.
In dieser Artikelserie werde ich in den kommenden Wochen genauer hinsehen. Ich versuche, einzelne Begriffe zu sezieren, historische Wurzeln freizulegen, soziologische Triebkräfte zu analysieren und die verdeckten Machtmechanismen hinter scheinbar harmlosen Floskeln aufzudecken.
Keine Sorge: Es geht mir nicht darum, den Zeigefinger zu heben oder gar das Rad der Zeit zurückzudrehen. Vielmehr geht es mir eher um die Rückgewinnung von Bewusstsein. Denn erst wenn wir durchschauen, welche verborgenen Steuerungsmechanismen in unseren Sprachgewohnheiten wirken, gewinnen wir die Freiheit zurück, selbst zu entscheiden, wer wir sein wollen und wie wir miteinander sprechen.
Ich lade Sie herzlich ein, diesen Weg mitzugehen, mitzudenken und auch zu widersprechen, wenn Sie es für nötig halten. Denn ein echter Diskurs fängt dort an, wo die bequemen Etiketten aufhören.


