Warum reden wir plötzlich wieder vom Hufeisen? Die Hufeisentheorie.

Ein vierzig Jahre altes Bild erklärt plötzlich wieder die Gegenwart – aber nur, wenn man es richtig liest
Es gibt politische Begriffe, die verschwinden für Jahre aus der öffentlichen Debatte und dann urplötzlich sind sie wieder da. Das „Hufeisen“ gehört dazu.
Lange wirkte die Hufeisentheorie wie ein Relikt aus politikwissenschaftlichen Seminaren der alten Bundesrepublik: links die einen Extremisten, rechts die anderen, dazwischen die demokratische Mitte. Ein einfaches Bild. Vielleicht sogar ein zu einfaches. Und nun, im Deutschland des Jahres 2026, taucht dieses Hufeisen wieder auf.
Das hat aber einen Grund. Nicht nur die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6.September 2026 hat die politische Statik eines ganzen Landes verändert. Gleichzeitig erklärte das BSW vor der Wahl, die bisherige Abgrenzungslogik gegenüber der AfD nicht mittragen zu wollen. Sahra Wagenknecht hielt sogar eine themenbezogene Zusammenarbeit für möglich; BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig warb für eine „Bürgerregierung“ mit einem überparteilichen Ministerpräsidenten und wechselnden Mehrheiten.
Da liegt das alte Bild plötzlich wieder auf dem Tisch. Aber was zeigt es eigentlich?

Hufeisentheorie: Das Hufeisen ist kein Gleichheitszeichen
Das ist für mich der wichtigste Ausgangspunkt dieser Serie. Wer aus der Hufeisentheorie den Satz „links und rechts sind dasselbe“ macht, hat sie bereits missverstanden.
Der politikwissenschaftliche Gedanke, der in Deutschland vor allem mit Uwe Backes und Eckhard Jesse verbunden wurde, lautet gerade nicht, dass Links- und Rechtsextremisten dieselben politischen Ziele hätten. Ihre Weltbilder können fundamental verschieden sein. Die Hufeisenmetapher fragt vielmehr, ob sich an den politischen Rändern bestimmte Strukturen des Denkens und Handelns ähneln: Absolutheitsansprüche, Freund-Feind-Denken, Antipluralismus, Misstrauen gegenüber Institutionen, Verschwörungserzählungen oder die Neigung, Kompromisse als Schwäche oder Verrat zu betrachten.
Das ist etwas völlig anderes.
Ein radikaler Kommunist und ein völkischer Nationalist können über Eigentum, Nation, Gleichheit, Migration und gesellschaftliche Ordnung fast vollständig gegensätzliche Vorstellungen vertreten. Trotzdem kann es interessant sein zu fragen, wie beide z. B. mit politischem Widerspruch umgehen.
Ist der Gegner legitim? Darf er gewinnen? Kann eine demokratische Entscheidung auch dann akzeptiert werden, wenn sie nach eigener Überzeugung falsch, ungerecht oder sogar gefährlich ist? Oder beginnt an dieser Stelle bereits die Versuchung, zwischen „richtigen“ und „falschen“ demokratischen Ergebnissen zu unterscheiden?
Genau hier wird das Hufeisen für mich interessant.
Nicht als Gleichsetzung von Inhalten, sondern als Untersuchung politischer Denkstrukturen. Mein Redaktionsplan dieser Serie formuliert diesen roten Faden deshalb ausdrücklich als „Konvergenz statt Gleichsetzung“: Entscheidend ist für mich die Frage nach Pluralismus, Kompromiss und demokratischer Machtbegrenzung, während die weltanschaulichen Unterschiede durchaus weitgehend bestehen bleiben können.

Warum gerade 2026?
Warum beschäftigt uns ein solches Modell aber ausgerechnet heute wieder? Weil sich das deutsche Parteiensystem gravierend verändert hat!
Die alte Vorstellung war vergleichsweise übersichtlich. Links standen Sozialdemokraten und später Grüne, rechts Union und FDP, weiter außen befanden sich Parteien und Milieus, deren politische Bedeutung doch nun wirklich sehr begrenzt war. Die Auseinandersetzung fand überwiegend innerhalb eines breiten demokratischen Zentrums statt.
Dieses Bild trägt 2026 erheblich schlechter. Die politische Landschaft ist viel fragmentierter. Die früheren Volksparteien verlieren Bindekraft, neue Parteien entstehen, Koalitionen werden schwieriger, und insbesondere in Ostdeutschland erreichen Parteien Ergebnisse, die die bisherigen Mehrheitslogiken infrage stellen.
Sachsen-Anhalt führt das gerade beinahe lehrbuchartig vor.
Die dortige AfD lag schon lange vor der Wahl bei mehr als 40 Prozent. Zugleich ist ihr Landesverband vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalts als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Die Behörde begründet dies unter anderem mit Angriffen auf Menschenwürde und Demokratieprinzip sowie einem ethnisch definierten Volksbegriff.
Das ist wichtig. Denn schon dieser Befund zeigt, warum eine mechanische Symmetrie problematisch wäre. Das Hufeisen darf nicht suggerieren, jede Partei links und rechts der Mitte befinde sich automatisch in gleicher Entfernung von der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die politische Wirklichkeit ist komplizierter.
Und dann sind da diese merkwürdigen Schnittmengen
Interessant wird die Sache aber zusätzlich dort, wo die klassische Links-Rechts-Linie plötzlich Erklärungsprobleme bekommt.
Ein bemerkenswertes Beispiel aus Sachsen-Anhalt: Bei 38 Fragen des WahlSwipers antworteten AfD und Die Linke in 18 Fällen identisch – also bei 47,4 Prozent. Bei den Bundestagswahl-Fragen 2025 hatte die Übereinstimmung derselben Parteien dagegen nur 15,8 Prozent betragen.
47 Prozent! Das klingt zunächst wie der perfekte Beweis für das Hufeisen. Ist es aber nicht.
Schaut man genauer hin, betreffen viele Gemeinsamkeiten landespolitische Sozial- und Infrastrukturfragen: beitragsfreie Kitas, kostenloses Mittagessen, Nahverkehr für Schüler, Universitätsfinanzierung oder den Stopp weiterer Krankenhausprivatisierungen.
Bei Schuldenbremse, Vermögensteuer, Migration, Klimapolitik, Medienpolitik oder Militärforschung bestehen dagegen weiterhin erhebliche Gegensätze.
Genau diese Differenzierung braucht die Debatte. Denn wenn zwei Parteien beide einen kostenlosen Schülernahverkehr wollen, beweist das wenig über ihre Haltung zur liberalen Demokratie. Gemeinsame Sachpositionen sind noch keine gemeinsame Weltanschauung.
Das Hufeisen beginnt deshalb nicht dort, wo zwei Parteien zufällig dieselbe Antwort auf eine politische Sachfrage geben. Es beginnt dort, wo sich möglicherweise ähnliche Vorstellungen darüber zeigen, wie politische Macht legitimiert wird, wie mit Gegnern umzugehen ist und welche Grenzen der eigenen politischen Gestaltungsmacht akzeptiert werden.
Der interessante Fall heißt deshalb BSW
Noch deutlicher zeigt sich die neue Unübersichtlichkeit beim Bündnis Sahra Wagenknecht.
Das BSW stammt organisatorisch aus der Linken. Wirtschaftspolitisch vertritt es vielfach klassische linke oder interventionistische Positionen. Gleichzeitig verbindet die Partei dies mit restriktiveren Auffassungen in der Migrationspolitik, scharfer Kritik an etablierten Institutionen und Medien sowie einer Außenpolitik, die sich deutlich von jener der meisten anderen Bundestagsparteien unterscheidet.
Damit passt das BSW schlecht auf eine eindimensionale Linie. Und nun kommt ein weiterer Faktor hinzu: die strategische Öffnung gegenüber der AfD.
Wagenknecht bezeichnete die sogenannte Brandmauer als falsch und erklärt, eine Partei, die von mehr als 40 Prozent gewählt werde, könne nicht einfach ausgegrenzt werden. In Sachsen-Anhalt wurde offen über wechselnde Mehrheiten und eine Regierungskonstruktion jenseits der bisherigen Koalitionslogik gesprochen.
Man muss diese Position nicht teilen, ich tue es gewiss nicht. Man sollte sie aber analytisch ernst nehmen. Denn plötzlich entsteht etwas, das sich auf einer einfachen Linie von links nach rechts nur noch schwer darstellen lässt.
Parteien können wirtschaftspolitisch weit auseinanderliegen und gleichzeitig bei Russlandpolitik, Institutionenkritik oder dem Verhältnis zur „politischen Klasse“ Schnittmengen entwickeln. Sie können sich weltanschaulich ablehnen und dennoch denselben politischen Gegner bekämpfen.
Ich nenne dies „negative Integration“: Ein Bündnis benötigt nicht zwingend eine gemeinsame Zukunftsvision. Manchmal genügt ein gemeinsamer Gegner. Das scheint mir für 2026 ein wesentlich interessanterer Gedanke zu sein als die Behauptung, links und rechts seien irgendwie dasselbe.
Vielleicht ist das alte Hufeisen deshalb zu einfach
Hier beginnt zugleich meine Skepsis gegenüber dem Modell. Ein Hufeisen hat nämlich nur eine Dimension. Es suggeriert, man könne Parteien auf einer Linie anordnen, diese Linie an den Enden nach innen biegen und schon sei die politische Welt erklärt. So einfach ist sie aber nicht.
Politische Positionen besitzen mindestens zwei voneinander unabhängige Dimensionen. Die erste ist die klassische Links-Rechts-Frage: Wie stehen wir zu Eigentum, Umverteilung, Markt, Staat, Nation, Migration oder gesellschaftlicher Gleichheit?
Daneben gibt es jedoch eine zweite Achse: Wie stehen sie zu Pluralismus, Opposition, Gewaltenteilung, Machtwechsel, Minderheitenrechten und Ergebnisoffenheit?
Genau deshalb erscheint mir ein Zwei-Achsen-Modell langfristig sogar interessanter als das klassische Hufeisen: Links und rechts auf der einen Achse, pluralistisch und antipluralistisch auf der anderen.
Damit ließe sich auch ein häufiges Missverständnis vermeiden.
Die politische „Mitte“ ist nämlich nicht unbedingt ein moralisches Gütesiegel.
Eine Position wird nicht dadurch demokratisch, dass sie sich statistisch irgendwo zwischen zwei anderen befindet. Demokratie misst sich nicht an geometrischen Abständen. Sie misst sich daran, ob Menschenwürde, Rechtsstaat, Opposition, Machtwechsel und politische Freiheit anerkannt werden.
Was also erklärt das Hufeisen?
Vielleicht weniger, als seine begeisterten Anhänger behaupten. Aber auch mehr, als seine Gegner wahrhaben wollen. Es erklärt nicht, warum Linke und Rechte dieselben politischen Ziele hätten. Das haben sie häufig gerade nicht. Es kann aber eine Frage sichtbar machen, die auf der üblichen Links-Rechts-Achse leicht verloren geht:
Wie verhält sich eine politische Bewegung zu der Möglichkeit, dass der Gegner rechtmäßig gewinnen darf? Das klingt simpel, ist es aber nicht. Denn Demokratie beweist sich nicht dort, wo die Mehrheit meine Meinung bestätigt. Dort ist Demokratie recht angenehm.
Der eigentliche Test beginnt, wenn die andere Seite gewinnt. Akzeptiere ich dann weiterhin das Verfahren? Anerkenne ich den politischen Gegner als legitim? Halte ich mich an institutionelle Grenzen? Oder erkläre ich das Ergebnis für manipuliert, illegitim, volksfeindlich, faschistisch, reaktionär oder sonstwie moralisch ungültig?
Genau an dieser Stelle können sich politische Extreme strukturell ähneln, obwohl ihre Begründungen spiegelverkehrt sind. Das ist der Gedanke, dem ich in dieser Serie folgen möchte.
Eine Serie gegen die bequeme Antwort
Mein Fahrplan umfasst deshalb bewusst mehr als die Frage „Stimmt die Hufeisentheorie?“.
Ich werde mich mit Backes und Jesse und der Entstehung des deutschen Extremismusmodells beschäftigen, mit den historischen Querfronten der Weimarer Republik, mit Hannah Arendt und Jürgen Habermas, mit der Kritik am klassischen Hufeisen, mit einem Zwei-Achsen-Modell aus Links–Rechts und Pluralismus–Antipluralismus, mit den Corona-Protesten und der Rolle sozialer Medien. Danach will ich es auch konkret angehen: BSW, AfD und Die Linke im Deutschland des Jahres 2026. Schließlich geht es mir um die freiheitliche demokratische Grundordnung und um eine Frage, die ich für wichtiger halte als jede Parteizugehörigkeit: Woran erkennt man eigentlich, ob jemand demokratisch denkt?
Dabei möchte ich eine Regel einhalten, die ich bereits im Prolog formuliert habe: Kritische Maßstäbe müssen in beide Richtungen gelten. Wer die AfD unter die Lupe nimmt, darf problematische Erscheinungen am linken Rand nicht ignorieren. Wer die Linke kritisiert, darf umgekehrt nicht so tun, als seien Art, Ausmaß und institutionelle Bewertung des Rechtsextremismus damit automatisch identisch.
Sonst wird aus der Analyse sehr schnell nur Parteinahme mit wissenschaftlichem Vokabular.
Das Hufeisen als Fragezeichen
Vielleicht sollten wir die Hufeisentheorie deshalb weniger als Antwort verstehen, eher als Fragezeichen. Also nicht: Sind links und rechts dasselbe? Sondern: Was geschieht an den politischen Rändern mit dem Verhältnis zu Freiheit, Pluralismus und Machtbegrenzung? Wann wird aus Überzeugung Gewissheit? Wann aus Gewissheit moralische Unfehlbarkeit? Wann wird aus dem politischen Gegner jemand, dessen legitimes Recht auf politische Teilhabe man nicht mehr anerkennen möchte? Und was passiert mit einer Demokratie, wenn immer mehr Menschen glauben, nur noch das Ergebnis sei demokratisch, das sie selbst für richtig halten?
Diese Fragen sind viel älter als die Bundesrepublik. In Deutschland des Jahres 2026 sind sie aber wieder überraschend aktuell.
Das alte Hufeisen erklärt unsere Gegenwart nicht vollständig. Vielleicht kann es uns aber dabei helfen, genauer hinzusehen. Und genau damit möchte ich beginnen.


