Warum Tugenden ein rechtes Maß brauchen

Kann man eigentlich zu anständig sein?
Während es draußen gerade regnet, will ich mal wieder etwas philosophisch werden. Meine Gedanken kreisen – kann man eigentlich auch zu anständig sein? Die Frage an sich klingt zunächst schon unanständig. Schließlich beklagen wir alle gewöhnlich das Gegenteil: zu wenig Rücksicht, zu wenig Solidarität, mangelnde Toleranz, fehlende Verantwortungsbereitschaft. Wer wollte ernsthaft gegen mehr Anstand, mehr Gerechtigkeit oder mehr Sicherheit argumentieren? Ich schon – jedenfalls gegen das kleine Wort „mehr“, sobald daraus ein moralischer Automatismus wird. Schließlich bin ich ein "Mann der Mitte" und gegenüber Extremen immer skeptisch .
Nach meiner Erfahrung funktionieren Werte nicht wie Geld auf einem Sparbuch: Je mehr davon, desto besser. Eine Gesellschaft kann nicht beliebig viel Sicherheit, Gleichheit, Loyalität oder Harmonie anhäufen und davon ausgehen, dass sich dadurch automatisch das Gute vermehrt. Geschieht nicht manchmal dann sogar das Gegenteil?
Loyalität kann zu Gehorsam werden. Toleranz kann in Wehrlosigkeit umschlagen. Sicherheitsstreben kann Freiheit erdrücken. Und eine Gesellschaft, die jeden Konflikt vermeiden möchte, verliert womöglich irgendwann die Fähigkeit, überhaupt noch offen über ihre Probleme zu sprechen.
Meine Meinung deshalb: Das Problem einer Gesellschaft ist nicht nur der Mangel an Tugenden. Auch die Verabsolutierung einer Tugend kann sie beschädigen.
Das klingt modern, aber die Frage nach dem rechten Maß beschäftigt die Philosophie schon seit mehr als zweitausend Jahren.
Aristoteles und die merkwürdige Idee, dass Mut auch zu viel werden kann
Aristoteles entwickelte in seiner Nikomachischen Ethik einen Gedanken, der unserer heutigen Neigungen zu Maximierungen etwas fremd geworden ist. Für ihn besteht Tugend häufig in einer Mitte zwischen zwei Fehlformen: einem Mangel auf der einen und einem Übermaß auf der anderen Seite. Zum Beispiel liegt Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Freigebigkeit beziehungsweise Großzügigkeit zwischen Geiz und Verschwendung. Das Entscheidende daran darf man aber nicht missverstehen.
Aristoteles empfiehlt keineswegs jene lauwarme Haltung, die bei jeder Frage vorsichtshalber die Mitte zwischen zwei Positionen sucht. Seine „Mitte“ ist kein arithmetischer Mittelwert. Sie ist situationsabhängig und verlangt "praktische Klugheit" – Phronesis. Das angemessene Maß ist, wie Aristoteles sagt, „relativ zu uns“. Beispiel: Wer einem ertrinkenden Kind zusieht, soll also nicht den Mittelweg zwischen Helfen und Wegsehen wählen. Und wer einem Unrecht begegnet, braucht nicht „ein bisschen“ Zivilcourage.
Mut bedeutet demnach nicht maximale Risikobereitschaft: Der Feigling handelt also falsch, weil er vor jeder Gefahr zurückweicht. Der Tollkühne handelt aber ebenfalls falsch, weil er Gefahr ignoriert, die ein vernünftiger Mensch berücksichtigen müsste. Erst der Mutige verbindet Entschlossenheit mit Urteilskraft.
Das ist für mich ein aktueller Gedanke. Wir sprechen heute gern von „mehr“ Werten: mehr Solidarität, mehr Toleranz, mehr Sicherheit, mehr Gerechtigkeit. Aristoteles würde vermutlich zuerst fragen: Mehr – aber bis wohin?
Vielleicht besteht moralische Reife deshalb gerade nicht darin, eine Tugend möglichst weit auszudehnen, sondern zu erkennen, an welchem Punkt ihre Stärke in eine Schwäche umschlägt.
Ich möchte es zugespitzt so formulieren: Das Gegenteil des Lasters ist nicht die maximale Tugend, sondern die angemessene Tugend.

Warum ein guter Wert einen zweiten guten Wert braucht
Fast noch interessanter wird der Gedanke, wenn man ihn auf moderne Gesellschaften überträgt.
Dabei hilft uns das sogenannte Werte- und Entwicklungsquadrat. Seine ideengeschichtlichen Wurzeln reichen zu Nicolai Hartmann und Paul Helwig zurück; Friedemann Schulz von Thun machte das Modell später vor allem für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung bekannt.
Sein Grundgedanke ist eigentlich verblüffend einfach: Ein positiver Wert kann seine konstruktive Wirkung nur entfalten, wenn ihm ein anderer positiver Wert gegenübersteht.
Also nicht ein Laster, sondern eine zweite Tugend. Sparsamkeit braucht beispielsweise Großzügigkeit. Fehlt sie, kann Sparsamkeit zum Geiz werden. Umgekehrt benötigt Großzügigkeit auch Sparsamkeit, sonst droht Verschwendung. Schulz von Thun spricht von der „entwerteten Übertreibung“ eines Wertes, wenn dessen notwendiger Gegenpol verlorengeht.
Darin liegt meines Erachtens mehr politische Philosophie, als es auf den ersten Blick scheint.
Denn der Gegenwert ist nicht der Gegner der Tugend. Er schützt sie!
Loyalität braucht also Kritikfähigkeit, und Toleranz braucht Wehrhaftigkeit, während Sicherheit Freiheit braucht. Solidarität braucht Eigenverantwortung, und vielleicht braucht sogar der Anstand eine gewisse Streitlust.
Denn ein Mensch, der unter allen Umständen höflich sein möchte, wird irgendwann Dinge verschweigen, die ausgesprochen werden müssten. Eine Organisation, die Harmonie über alles stellt, entwickelt leicht eine Kultur, in der Kritik als Illoyalität erscheint. Und eine Gesellschaft, in der niemand mehr Anstoß erregen darf, kann am Ende ausgesprochen intolerant gegenüber jedem werden, der die allgemeine Harmonie stört.
Das ist die eigentliche Dialektik der Tugend:
Eine Tugend kann sich selbst zerstören, wenn sie ihren Gegenwert beseitigt.

Paracelsus und die moralische Dosis
An dieser Stelle hilft mir ein Gedanke aus einer ganz anderen Welt. Paracelsus wird ja die berühmte Formel zugeschrieben: „Alle Dinge sind Gift … allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“
Ich weiß, natürlich lassen sich Moral und Toxikologie nicht einfach gleichsetzen. Trotzdem gefällt mir die Analogie. Ein Medikament kann heilen – und in zu hoher Dosis schaden. Wasser ist lebensnotwendig – und kann den Menschen trotzdem töten. Sauerstoff brauchen wir zum Leben – doch auch hier entscheidet die Konzentration über Wirkung und Schaden. Warum sollte also ausgerechnet bei gesellschaftlichen Werten das Prinzip gelten: Mehr ist immer besser?
Vielleicht besitzen auch Werte eine Art Wirkungskurve. Zu wenig Vertrauen erzeugt Misstrauen und soziale Kälte. Ein angemessenes Maß an Vertrauen erleichtert Kooperation. Blindes Vertrauen dagegen öffnet Missbrauch Tür und Tor.
Zu wenig Sicherheitsvorsorge ist fahrlässig. Ein vernünftiges Maß schafft Verlässlichkeit.
Der Versuch, jedes Restrisiko zu beseitigen, kann dagegen Kontrolle, Bürokratie und Stillstand produzieren.
Unterdosierung führt zu Defiziten und Zerfall, ein angemessener Bereich fördert Kooperation und Stabilität, während Überdosierung in Fanatismus, Lähmung, Repression oder ökonomische Ineffizienz kippen kann.
Ich würde daraus allerdings kein mathematisches Gesetz machen. Es ist für mich nur ein Denkmodell.
Aber für mich ein nützliches.
Wenn Tugend zur Monokultur wird
Vielleicht liegt das eigentliche Problem also gar nicht darin, dass Menschen „zu tugendhaft“ werden.
Es liegt darin, dass eine Tugend alle anderen verdrängt.
Eine Gesellschaft könnte beispielsweise Sicherheit zum höchsten Wert erklären. Zunächst klingt das vernünftig. Wer wäre schon gegen Sicherheit? Doch wenn jede zusätzliche Vorschrift, jede Überwachung und jede Einschränkung mit einem denkbaren Sicherheitsgewinn begründet werden kann, wird Freiheit irgendwann nur noch als Sicherheitsrisiko wahrgenommen.
Dasselbe gilt für Loyalität. Ein Unternehmen braucht Loyalität. Niemand kann erfolgreich arbeiten, wenn jeder Mitarbeiter bei jedem Konflikt sofort die Organisation verlässt oder Kollegen öffentlich denunziert. Aber eine Organisation, die Loyalität höher bewertet als Wahrhaftigkeit, erzeugt leicht Schweigen. Dann heißt Loyalität irgendwann: „Wir reden darüber nicht.“
Auch Toleranz kennt diesen Kipppunkt.
Eine pluralistische Gesellschaft muss unterschiedliche Religionen, Lebensentwürfe und politische Überzeugungen aushalten können. Das gehört zu ihrem Wesenskern. Aber muss sie deshalb auch jene Kräfte widerspruchslos dulden, die genau diese pluralistische Ordnung beseitigen wollen?
Ich denke an Karl Poppers berühmtes Toleranzparadoxon – und damit an den Übergang von der Tugendethik zur politischen Ordnung. Doch diesen Schritt möchte ich noch nicht vorwegnehmen. Mir geht es zunächst um etwas Grundsätzlicheres.
Wir benötigen keine moralischen Maximalisten
Unsere Zeit neigt zu einer merkwürdigen moralischen Sprache. Wer für Sicherheit ist, soll möglichst viel Sicherheit verlangen. Wer für soziale Gerechtigkeit eintritt, muss möglichst viele Unterschiede beseitigen wollen. Wer tolerant ist, soll möglichst alles tolerieren. Wer solidarisch handelt, darf offenbar kaum noch nach Eigenverantwortung fragen.
Das halte ich für einen Denkfehler. Eine Gesellschaft besteht nicht aus einem einzigen Wert. Sie lebt von mehreren guten Werten, die teilweise miteinander konkurrieren.
Freiheit und Sicherheit. Solidarität und Eigenverantwortung. Gleichheit und Leistungsprinzip.
Toleranz und Wehrhaftigkeit. Loyalität und Kritik. Gerade weil beide Seiten einen Wert besitzen, kann keine von ihnen einfach maximiert werden.
Das ist aber etwas unangenehm, weil es moralische Entscheidungen schwieriger macht. Denn wer nur einen Wert kennt, hat es leicht. Man kann jede Situation anhand desselben Maßstabes beurteilen.
Wer mehrere berechtigte Werte anerkennt, muss dagegen abwägen. Er muss Widersprüche aushalten, Nebenwirkungen berücksichtigen und manchmal akzeptieren, dass es keine vollkommen reine Lösung gibt.
Vielleicht ist genau das politische und moralische Erwachsensein.
Maßhalten ist kein Mangel an Überzeugung
„Maßhalten“ klingt heute schnell nach Mutlosigkeit. Als solle man bei allem ein bisschen weniger wollen. So verstehe ich es aber nicht. Das rechte Maß bedeutet nicht, keine starken Überzeugungen zu besitzen. Im Gegenteil: Es verlangt die Fähigkeit, auch die Grenzen der eigenen Überzeugung zu erkennen:
Der tolerante Mensch muss wissen, wann Toleranz verteidigt werden muss.
Der loyale Mensch muss wissen, wann Loyalität zum Schweigen über Unrecht wird.
Der sicherheitsbewusste Mensch muss erkennen, wann die Absicherung des Lebens beginnt, das freie Leben selbst zu beschädigen. Deshalb gefällt mir eine Formulierung aus dem Wertequadrat besonders:
Ein Wert braucht einen Gegenwert, damit er Wert bleiben kann.
Und daraus folgt für mich eine allgemeine Regel:
Nicht der Wert selbst wird zum Problem. Gefährlich wird seine Verabsolutierung.
Das ist vielleicht die eigentliche „Überdosis Anstand“. Nicht zu viel Moral an sich.
Sondern eine Moral, die ihre eigenen Grenzen nicht mehr kennt.
Was hält also eine Gesellschaft zusammen?
Meine erste Antwort: Nicht ein gemeinsamer moralischer Maximalwert, sondern die Fähigkeit, gute Werte in ein vernünftiges Verhältnis zueinander zu bringen.
Loyalität ohne Kritik kann Unterwerfung werden, Toleranz ohne Grenzen Wehrlosigkeit, Sicherheit ohne Freiheit Kontrolle.
Damit verlasse ich allerdings ganz allmählich Aristoteles' theoretisches Studierzimmer. Denn sobald diese Überdosierung nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern Unternehmen, Verwaltungen oder ganze Staaten, wird aus einer Frage der Tugend eine Frage der gesellschaftlichen Ordnung.
Wenn das stimmt, müssen wir uns die unbequeme Frage stellen, an welchem Punkt eine Tugend tatsächlich kippt. Genau dort wird aus persönlicher Philosophie Gesellschaftspolitik.
Deshalb kommt bald die Fortsetzung: „Wenn das Gute kippt: Fünf Tugenden und ihre gefährliche Überdosierung“


