Was mir mein Studium geschenkt hat

Ein Sprung ins Ungewisse
Dreiundvierzig Jahre sind vergangen, seit ich mit einer kleinen Tasche und einer Liste unbekannter Vorlesungssäle über den Campus der Ruhr-Universität Bochum lief – ein junger Mann aus dem westfälischen Land, der noch nie eine Mensa von innen gesehen hatte. So erdrückend war die Größe, dass ich am Ende des Tages mein Auto nicht mehr wiederfand und ich ernsthaft zweifelte, ob dies alles wirklich für mich das Richtige war.

Ich kam aus einfachen Verhältnissen, als Erster und bis heute Einziger meiner Familie, der eine Universität besuchte. Dass meine Eltern mir diesen Weg ermöglichten, empfinde ich noch immer als ein großes Geschenk.
Eine neue Welt öffnet sich
Der Schritt vom westfälischen Land in die Großstadt und auf den weitläufigen Campus war mehr als ein Ortswechsel. Ich begegnete Menschen aus vielen Ländern, lernte unterschiedliche Lebensentwürfe kennen und traf auf Überzeugungen, die mir bis dahin fremd gewesen waren. Manches irritierte mich, vieles faszinierte mich. Vor allem aber begann ich, meine eigenen Ansichten zu prüfen. Wer so viele verschiedene Lebenswege und Überzeugungen erlebte, konnte alte Selbstverständlichkeiten nicht unhinterfragt stehen lassen: Kein Wunder, dass ich mich in dieser Zeit für den Zivildienst entschied und ich auch eine sehr liberale Haltung zu Homosexuellen entwickelte.

Freiheit, die auch fordert
Das Studium schenkte mir zugleich eine Freiheit, die ich vorher kaum kannte. Ich konnte Fächer wählen, meinen Tagesablauf selbst gestalten und erstmals in einer eigenen kleinen Wohnung leben. Diese Freiheit war beglückend, aber auch anstrengend. Niemand strukturierte meinen Alltag für mich. Ich musste Disziplin entwickeln, Rückschläge aushalten und Verantwortung für meine Entscheidungen übernehmen.
Streitkultur als Lebensschule
Nie wieder habe ich so viel diskutiert wie in diesen fünf Jahren. Wir stritten über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Freiheit und Gerechtigkeit. Selbst der marxistische Studentenbund, der damals den AStA prägte, gehörte zu dieser Erfahrung. Ich musste seine Positionen nicht teilen, um mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Gerade darin lag eine wichtige Lektion: Toleranz bedeutet nicht Zustimmung, sondern die Bereitschaft, andere Argumente anzuhören und ihnen mit Gründen zu widersprechen.
Als die Gewissheiten wackelten
Diese Debatten bekamen zusätzliches Gewicht durch die großen Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluß: Es gab Massenproteste mit Hunderttausenden Teilnehmern gegen die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen, und auch an der Uni wurden hitzigste Diskussionen geführt- und ich war plötzlich mittendrin in den zementierten Argumenten. Ein weiteres einschneidendes Ereignis war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, denn die Katastrophe ließ Zweifel an der Unfehlbarkeit wissenschaftlicher und technischer Autoritäten aufkommen, die den Fortschritt zuvor als bedingungslos positiv und sicher dargestellt hatten. Über die reine Technik hinaus wurde auch das Vertrauen in staatliche Institutionen, offizielle Krisenvorsorge und die Transparenz von Regierungen (insbesondere der damaligen Sowjetunion) grundlegend infrage gestellt.
Vom Meinen zum Urteilen
Noch wichtiger war aber eine andere Erkenntnis, die ich daraus gewann: Je mehr ich lernte, desto deutlicher erkannte ich, wie wenig einfache Antworten der Wirklichkeit gerecht werden. Wissenschaft beginnt mit Neugier, lebt vom Zweifel und verlangt die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Sie lehrt, zwischen einer Meinung und einem begründeten Urteil zu unterscheiden. So ist mir der Ausspruch eines meiner Professoren in Erinnerung. Dieser, eigentlich für seine extremen, pointierten Meinungen bekannte Professor fuhr einen Kommilitonen an, dieser solle nicht immer alles nachplappern, was er ihn lehre, sondern seinen eigenen Verstand und seine eigenen Worte gebrauchen. Das saß.
Ein Geschenk, das weiterwirkt
Mein Studium hat mir deshalb weit mehr gegeben als einen Abschluss. Es hat meinen Horizont erweitert, meinen Charakter geprägt und mich geistig unabhängiger gemacht. Ich bin froh, dass ich dies alles auch an meine Kinder weitergeben konnte. Wenn ich heute an meine Eltern denke, die mir diesen Weg ermöglichten, weiß ich: Das Geschenk hat sich vervielfacht – in jedem Gedanken, den ich seitdem klarer fassen konnte.


