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Was uns prägt: Wie das Mariengymnasium Werl mein Fundament als Autor legte

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
30. Juli
3 Min. Lesezeit

Wenn ich heute an meinem Schreibtisch sitze, komplizierte Zusammenhänge seziere, Thesen schärfe oder an der Präzision eines einzigen Satzes feile, wandern meine Gedanken manchmal Jahrzehnte zurück. In eine Zeit, in der das Fundament für all das gelegt wurde, was mich heute als Publizist und Sachbuchautor, aber auch als humanistsich denkender Mensch ausmacht.


Oft wird Bildung auf das reine Ansammeln von Fakten reduziert. Man lernt für die nächste Klausur, fürs Abitur, für die spätere Karriere. Doch eine wirklich gute Schule leistet weit mehr: Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern schult das Denken, schärft den Blick für die Welt und prägt die eigene Haltung zum Leben. Für mich war dieser entscheidende Ort das Mariengymnasium in Werl.


Das Latein-Paradoxon: Von der Akribie zur Rhetorik

Meine Reise dort begann in der fünften Klasse gleich mit einer echten Herausforderung: Latein als erste Fremdsprache. Was auf den ersten Blick wie ein verstaubtes Relikt aus vergangenen Zeiten wirken mag, erwies sich im Nachhinein als die vielleicht beste Denkschule überhaupt.


In Latein gibt es kein flüchtiges Erraten. Jede Endung, jeder Kasus, jeder Buchstabe zählt. Es verlangte eine extreme Genauigkeit, Disziplin und Konzentration – Fähigkeiten, die beim Verfassen fundierter Sachbücher schlichtweg unverzichtbar sind. Wer lernt, einen verschachtelten Satz von Cicero Stück für Stück zu durchdringen, entwickelt einen feinen Sinn für Logik und Satzstruktur.

„Gesprochene Worte verfliegen, das Geschriebene bleibt“
„Gesprochene Worte verfliegen, das Geschriebene bleibt“

Doch Latein war weit mehr als Grammatik. Es war eine faszinierende Zeitreise in die Antike. Der Unterricht öffnete das Tor zur römischen Geschichte, zur Philosophie und zur griechisch-römischen Mythologie. Hier habe ich zum ersten Mal begriffen, wie tief die Wurzeln unseres heutigen Europas reichen: Unsere moderne Politik, unser Rechtssystem und unsere kulturelle Identität basieren auf diesem antiken Fundament.


Der größte Gewinn war vor allem das kritische Denken. Wer die Reden Ciceros oder die Berichte Caesars im Original liest, durchschaut schnell die Mechanismen der Rhetorik. Man lernt, Argumente nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen, Machtstrukturen zu analysieren und emotionale Appelle von sachlicher Substanz zu trennen.


Altsprachliche Tradition und christlicher Humanismus

Das Mariengymnasium war dabei nie ein Elfenbeinturm für reine Gelehrsamkeit. Die Schule verknüpfte ihre altsprachliche Tradition stets mit den Werten des christlichen Humanismus. Das spiegelt sich eindrucksvoll im Leitbild der Schule wider:

„Unser von einem aufgeklärten Humanismus geprägtes Menschenbild ist dem Grundgesetz und der Demokratie verpflichtet. Dabei bauen wir auf die gemeinsame Verantwortung und die verbindenden Werte von Christentum und anderen Religionen sowie Philosophien, um Schülerinnen und Schülern eine verantwortungsbewusste, weltoffene und tolerante Perspektive auf die Wirklichkeit zu vermitteln.“ 


Dieser Anspruch war kein totes Papier. Er war spürbar. Die Haltung, dass Bildung immer dem Menschen, der Demokratie und dem gesellschaftlichen Miteinander zu dienen hat, prägt mein publizistisches Schaffen bis heute. Als Autor verstehe ich meine Aufgabe genau darin: Sachverhalte aufzuklären, Weltoffenheit zu fördern und einen Beitrag zu einer sachlichen, demokratischen Debattenkultur zu leisten.


Dank an die Wegbegleiter

All diese Werte entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden von Menschen zum Leben erweckt. Mein tiefster Dank gilt daher vielen beeindruckenden Lehrerinnen und Lehrern des Mariengymnasiums Werl, die mich auf diesem Weg begleitet haben.


Sie waren weit mehr als reine Wissensvermittler. Sie waren Persönlichkeiten, die diesen Geist der Neugier, der Genauigkeit und des Respekts nicht nur gelehrt, sondern jeden Tag im Klassenzimmer vorgelebt haben. Sie haben uns Schülern etwas zugetraut, uns gefordert und gleichzeitig ermutigt, eigene Standpunkte zu entwickeln.

Die Fackel wird weitergereicht
Die Fackel wird weitergereicht

Was Bildung und Bücher verbindet

Wenn ich heute ein neues Buchprojekt beginne, strebe ich nach genau dem Geist, den mir meine Schulzeit mitgegeben hat. Denn ein gutes Buch sollte – genau wie eine prägende Bildung – weit mehr tun, als nur Antworten aufzudrücken. Es sollte den Blick schärfen, die richtigen Fragen stellen und den Leser dazu befähigen, die komplexen Zusammenhänge unserer Welt eigenständig, kritisch und mit offenem Geist zu durchdringen.


Das Mariengymnasium Werl hat mir – und später auch meinen beiden Kindern – dafür das Werkzeug in die Hand gegeben. Dafür bin ich bis heute von Herzen dankbar.

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