top of page

Zoomer (Teil 1): Aufgewachsen im Dauerkrisenmodus – Die Welt meines Zoomer-Sohns

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
11. Sept.
4 Min. Lesezeit

Nachdem ich in der ersten Serie dieser Reihe die Lebenswelt meiner Tochter beleuchtet habe, die als Millennial an der Schnittstelle zwischen analoger Kindheit und digitalem Erwachsenenleben aufgewachsen ist, richte ich den Blick nun auf meinen Sohn. Er gehört zur Generation Z – den sogenannten „Zoomern".


Das Heranwachsen meiner beiden Kinder als alleinerziehender Vater hat mich vor völlig unterschiedliche Aufgaben gestellt. Während meine Tochter den Wandel in die digitale Welt aktiv mitgestaltete, wurde mein Sohn in eine Welt hineingeboren, in der das Analoge nie mehr als die halbe Wirklichkeit war. Wenn ich seine Jugend Revue passieren lasse, wird mir klar: Er und seine Altersgenossen sind unter Bedingungen erwachsen geworden, wie sie dichter und unruhiger kaum hätten sein können.


Echte Digital Natives: Die Welt durch die Glasscheibe

Ein zentraler Unterschied zwischen meinen beiden Kindern liegt in ihrem Verhältnis zur Technologie. Millennials waren die ersten Schrittmacher im Netz, meine Tochter musste sich das Digitale erst erobern. Mein Sohn dagegen kannte nichts anderes: Als er ein Teenager wurde, waren Smartphones, Hochgeschwindigkeitsinternet und visuelle Plattformen längst keine Neuheiten mehr, sondern schon die alltägliche Infrastruktur seines Lebens.


Aus meiner Perspektive als Boomer-Vater war das oft gewöhnungsbedürftig. Wo wir früher auf die Tagesschau oder die Tageszeitung warteten, erreichten ihn Nachrichten und globale Ereignisse sekündlich über Algorithmen direkt in der Hosentasche. Freundschaften wurden nicht mehr nur auf dem Sportplatz oder der Straße gepflegt, sondern in digitalen Räumen, die rund um die Uhr geöffnet waren – Zocken bis tief in die Nacht war keine Seltenheit. Und die Selbstdarstellung, der ständige Vergleich mit Gleichaltrigen und mit Influencern aus aller Welt, gehörte von Anfang an zu seinem Alltag.


Faszinierend fand ich dabei, wie intuitiv seine Generation digitale Werkzeuge beherrscht. Sorgen machte mir als Vater eher die schiere Reizüberflutung, der er ungefiltert ausgesetzt war.

„Smartphone mit Weltkugel und einströmenden Benachrichtigungen, daneben zwei Figuren als Millennial und Generation Z – Illustration zu den Digital Natives der Gen Z"
Ki generiert nach meiner Skizze

Die Pandemie in den entscheidenden Jahren: Schultag im Ausnahmezustand

Einen der tiefsten Einschnitte in der Jugend meines Sohnes bildeten die Jahre der Corona-Pandemie. Für mich bedeutete diese Zeit vor allem eine Umstellung der Arbeitsroutine und Sorge um die Gesundheit. Für seine Generation, mitten im entscheidenden Alter, war es ein massiver Eingriff in ihr soziales Gefüge: Unterricht vor dem Bildschirm statt gemeinsamer Pausen, abgesagte Klassenfahrten und ausfallende Sportveranstaltungen statt der unbeschwerten Momente, die das Jugendalter normalerweise ausmachen. Schon in sehr jungen Jahren musste er Rücksichtnahme und Disziplin aufbringen, um gefährdete Menschen zu schützen.


Diese Phase hat Spuren hinterlassen. Bis heute, wenn wir über seine Zukunft sprechen – die eigene Wohnung, die Ausbildung, die Altersvorsorge –, merke ich, wie schwer ihm die klassische Zukunftsplanung fällt. Starr an einem Plan festzuhalten erscheint ihm wenig sinnvoll, wenn sich die Realität ohnehin ständig verändert. Sein Motto in solchen Gesprächen: „Leben in der Lage." Ich habe lange gebraucht, um das nicht als Beliebigkeit misszuverstehen – inzwischen sehe ich darin eher eine nüchterne, sehr erwachsene Form von Wachsamkeit.


Das Leben im Schatten der Dauerkrise

Die Pandemie war kein isoliertes Ereignis, sondern fügte sich für die Gen Z in eine Kette von Dauerbelastungen ein. Während wir Boomer in einer Phase des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und stetigen Wachstums groß wurden, ist der Horizont der Zoomer von komplexen globalen Herausforderungen bestimmt.


Für die Generation meines Sohnes ist der Klimawandel kein abstraktes Umweltthema für Sonntagsreden, sondern eine existenzielle Zukunftsfrage – das spüre ich in fast jedem Gespräch mit ihm. Die Wahrnehmung, dass die Verfehlungen früherer Jahrzehnte nun auf seinen Schultern lasten, hat bei ihm und vielen seiner Altersgenossen einerseits ein tiefes Problembewusstsein geschaffen, andererseits eine verständliche, sehr ausgeprägte Skepsis gegenüber etablierten Institutionen.


Dazu kamen die Rückkehr kriegerischer Konflikte nach Europa, gesellschaftliche Polarisierung und spürbare wirtschaftliche Verunsicherung durch Inflation. Mein Sohn hat auf seine Weise reagiert: Er hat sich bei der Bundeswehr verpflichtet – aus der festen Überzeugung, dass er damit einen Beitrag leisten kann, genau einen solchen Krieg zu verhindern. Das ist eine Entscheidung, die ich als Vater an dieser Stelle nicht leichtfertig kommentieren möchte, die mich aber mit Respekt erfüllt: Wo frühere Generationen mit einem Grundvertrauen in die stetige Verbesserung der Lebensverhältnisse aufwuchsen, begegnet die Gen Z der Zukunft oft mit nüchternem, fast schon pragmatischem Zweckoptimismus – und manche, wie mein Sohn, ziehen daraus die Konsequenz, selbst aktiv zu werden.


Als Wirtschaftswissenschaftler beobachte ich außerdem, wie diese Krisenerfahrungen den Blick der Gen Z auf die Arbeitswelt verändern. Sie treten in einen Arbeitsmarkt ein, der händeringend nach Fachkräften sucht, ihnen aber gleichzeitig wenig Garantien für jahrzehntelange Stabilität bieten kann. Das Resultat ist kein Mangel an Leistungsbereitschaft, sondern eine klare Haltung: Arbeit muss sich lohnen, sie muss flexibel sein, und sie darf nicht auf Kosten der eigenen Gesundheit gehen. Wir Älteren sollten lernen, das zu respektieren.


Was mich an ihm stolz macht

Bei all den Krisen, die diese Generation geprägt haben, würde ich meinem Sohn und seinen Altersgenossen unrecht tun, würde ich nur von Belastung sprechen. Was ich bei ihm sehe, ist eine Haltung, die weit über Betroffenheit hinausgeht. Jedes Jahr opfert er -gemeinsam mit anderen jungen Leuten- einen Teil seines Urlaubs, um ehrenamtlich mit Menschen mit Behinderung in den Urlaub zu fahren. In Diskussionen mit Gleichaltrigen bezieht er unerschrocken Stellung gegen Antisemitismus und rechtsradikale Tendenzen – nicht abstrakt, sondern im direkten Gespräch, auch wenn es für ihn unbequem wird. Soziale Ungerechtigkeit und die großen Probleme unserer Zeit beschäftigen ihn spürbar, nicht als Theorie, sondern als etwas, das ihn wirklich bewegt.

Figur begleitet eine Person im Rollstuhl neben einem Koffer auf einem angedeuteten Reiseweg – Illustration zum ehrenamtlichen Engagement
Ki generiert nach meiner Idee

Fazit: Pragmatismus in einer volatilen Welt

Wenn ich heute auf meinen Sohn blicke, sehe ich einen jungen Mann, der in einer unruhig gewordenen Welt erstaunlich aufrecht steht. Die Generation Z wird in der öffentlichen Debatte manchmal vorschnell kritisiert – man wirft ihr mangelnde Belastbarkeit oder überhöhte Ansprüche vor.


Mein Eindruck als Vater ist ein anderer: Dieser Jahrgang ist nicht verwöhnt, sondern vor allem realistisch. Die Zoomer haben früh gelernt, dass Sicherheit keine Garantie ist, sondern immer wieder neu erarbeitet werden muss. Sie bewegen sich souverän in einer komplexen Medienlandschaft, hinterfragen wie jede andere Generation vor ihnen zu Recht veraltete Strukturen und suchen nach Wegen, wie Leben und Beruf in einer unsicheren Welt in Einklang gebracht werden können.


Ihre Jugend war kein Spaziergang – aber sie hat sie zu einer Generation gemacht, die mit Veränderung vielleicht sogar besser umgehen kann als jede andere vor ihr. Sie wird es wohl auch müssen.


Im nächsten Teil dieser Serie sprechen wir über die besonderen Stärken der Generation Z: Was macht ihren Mut zu radikaler Ehrlichkeit aus, wie gehen sie mit mentaler Gesundheit um – und welchen spezifischen Hürden stehen sie im Alltag gegenüber?


bottom of page