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Zwischenbilanz der EU-Zollpolitik: Wer gewinnt, wer verliert, und ist Brüssel wirklich so zahm?

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
8. Aug.
3 Min. Lesezeit

Ich hab jetzt drei Teile lang über Trumps Zollpolitik geschrieben. Zeit, mal auf die andere Seite des Atlantiks zu schauen. Denn während in Washington die Zölle wie Konfetti verteilt werden, tut sich in Brüssel gerade auch richtig was. Nur eben leiser. Und genau das macht die Sache spannend.


Gewinner und Verlierer – die Rechnung ist ziemlich eindeutig

Am 1. Juli 2026 ist die alte 150-Euro-Zollfreigrenze gefallen. Ich hab in einem früheren Artikel schon ausführlich erklärt, was das für Temu, Shein und Co. bedeutet. Hier die Kurzfassung, plus ein paar ergänzende Details.


Wer gewinnt:

  • Zalando & Co. Endlich wieder ein bisschen Waffengleichheit. Das jahrelange Zollschlupfloch, über das asiatische Plattformen ihre Preise gedrückt haben, ist zu.

  • Europäische Grundstoff- und Nischenindustrien. Wer durch Antidumpingzölle geschützt ist, sichert sich gerade ordentlich Marktanteile.


Wer verliert:

  • Temu, Shein, AliExpress. Ihr ganzes Geschäftsmodell – Millionen Einzelpäckchen, zollfrei, per Luftfracht – funktioniert so nicht mehr. Sie müssen jetzt teure Logistik in der EU aufbauen.

  • Europäische Exportbranchen. Vor allem die Autoindustrie sitzt im Kreuzfeuer. Wenn Trump seine angedrohten 100-Prozent-Zölle als Retourkutsche für die geplante EU-Digitalsteuer tatsächlich durchzieht, verliert der europäische Kfz-Sektor seinen wichtigsten Markt außerhalb der EU. Das wäre kein Kollateralschaden, das wäre ein Volltreffer.


Und was zahlt der Verbraucher? Seit dem 1. Juli werden 3 Euro Zoll pro Warengruppe fällig – nicht pro Paket, sondern pro Kategorie. Kaufst du drei verschiedene Artikelarten in einem Päckchen, zahlst du dreimal. Dazu kommen die reguläre Einfuhrumsatzsteuer und happige Servicepauschalen der Paketdienste, oft um die 7,50 Euro. Eine Kleinbestellung für fünf Euro lohnt sich damit einfach nicht mehr. Und weil die Kontrollbehörden an Häfen und Flughäfen wie Lüttich oder Rotterdam gerade aus allen Nähten platzen, wird's auch noch langsamer.


Was bringt das eigentlich der EU-Kasse?

Zölle sind sogenannte EU-Eigenmittel. Heißt: 75 Prozent der Einnahmen gehen direkt nach Brüssel, 25 Prozent bleiben bei den Mitgliedstaaten für die Verwaltungskosten. Bei über 16 Millionen Kleinsendungen täglich kommt da inzwischen richtig was zusammen.

Nur: Das Geld verschwindet nicht einfach in einem Topf. Die Zollbehörden sind chronisch überlastet, und die EU steckt gerade viel Geld in den Aufbau von etwas völlig Neuem – einer zentralen digitalen EU-Zollplattform plus einer eigenen EU-Zollbehörde in Lille. Bis 2028 soll das die wackelige 3-Euro-Pauschale ablösen und durch eine echte, datenbasierte Verzollung ersetzen. Bis dahin gilt: hohe Einnahmen, aber auch hohe Investitionskosten. Netto bleibt weniger übrig, als die Bruttozahlen vermuten lassen.


Ist die EU im Zollstreit einfach nur zahm?

Diesen Vorwurf hört man oft: Während Trump mit globalen Zöllen um sich wirft – zuletzt sogar mit einer Section-301-Untersuchung wegen angeblicher Zwangsarbeitsmängel –, setzt Brüssel auf Deeskalation. Die EU hat ihre eigenen Vergeltungszölle auf US-Waren, bis zu 30 Prozent im Rahmen des Turnberry-Deals, immer wieder ausgesetzt. Zuletzt bis zum 6. August 2026. Exportnationen wie Deutschland freut das. Handelsstrategen nennen es fehlenden Biss.

Ich sehe das anders. Die EU kämpft nicht mit der Brechstange, sie kämpft mit einem anderen Werkzeug: dem eigenen Binnenmarkt.


Der Brüssel-Effekt: die leise Supermacht

Genau hier wird's für mich richtig interessant. Der EU-Binnenmarkt ist so groß und so kaufkräftig, dass ausländische Konzerne es sich schlicht nicht leisten können, ihn zu ignorieren. Also übernehmen sie europäische Standards – freiwillig, mehr oder weniger. Ökonomen nennen das den Brüssel-Effekt.

EU-Zollpolitik: Der Brüssel-Effekt in der Praxis

Zwei Beispiele aus den letzten Wochen zeigen, wie das konkret aussieht:

Google. Die EU hat dem Konzern auf Basis des Digital Markets Act 890 Millionen Euro aufgebrummt, weil eigene Dienste bevorzugt und externe App-Anbieter ausgebremst wurden. Google kündigt zwar rechtliche Schritte an, testet aber gleichzeitig längst neue Suchdarstellungen und veränderte Store-Regeln. Weil der Markt zu wichtig ist, um ihn zu riskieren.

Temu und Shein. Die Plattformen ziehen sich nicht zurück, sie bauen um. Massive Logistikzentren innerhalb der EU, Container statt Einzelpaket, und damit unterwerfen sie sich – ob sie wollen oder nicht – den europäischen Zoll- und Marktregeln.

Das ist keine Schwäche. Das ist Marktmacht, nur eben anders eingesetzt als in Washington.


Der große Umbruch im Welthandel

Zoomen wir mal raus: Der klassische Multilateralismus, wie ihn die WTO über Jahrzehnte verkörpert hat, ist praktisch am Ende. An seine Stelle tritt ein Flickenteppich aus bilateralen Deals und einer Handelspolitik, bei der Zölle und Marktzugang immer öfter als politisches Druckmittel benutzt werden. Nicht nur von den USA, auch anderswo.

EU-Zollpolitik: Systemwandel

Mein Fazit

Die EU ist im Zollstreit nicht passiv. Sie kämpft nur mit anderen Waffen. Trump schwingt die Brechstange unilateraler, oft ziemlich erratischer Schutzzölle. Brüssel setzt auf die feinere Klinge des Binnenmarktrechts – und die trifft, wie man bei Google und bei Temu gerade live sieht.

Trotzdem steht die EU auf einem schmalen Grat. Wenn es ihr nicht gelingt, ihre eigene regulatorische Autonomie zu verteidigen, ohne einen offenen Handelskrieg mit den USA zu riskieren, könnte sie zwischen den beiden großen Blöcken USA und China am Ende zerrieben werden. Der Brüssel-Effekt ist ein mächtiges Werkzeug. Aber ein Werkzeug ist nur so gut wie die Nerven, die man hat, es auch einzusetzen, wenn es wirklich drauf ankommt.

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