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Warum fühlen wir uns eigentlich arm, obwohl wir unglaublich viel besitzen?

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
22. Aug.
4 Min. Lesezeit

Eine kleine Inventur des Wohlstandsparadoxes


Noch nie gab es in der deutschen Geschichte eine breitere Mittelschicht mit derart viel Auswahl, Komfort und materieller Absicherung wie heute-trotz aller aktueller wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurzeit in Deuschland. Trotzdem ist das vorherrschende Lebensgefühl selten Fülle, sondern eher das Gefühl, nicht genug zu haben, nicht mitzuhalten, ständig hinterherzulaufen. Als einfach lebender, genügsamer Mensch wundert mich dieser Widerspruch seit Langem, und ich glaube, er lohnt eine genauere Betrachtung. Einige habe ich auch in meinem Buch „Der gesteuerte Mensch (BoD Hamurg, 2026) dargelegt.

 

Die Tretmühle der Ansprüche

Ich starte mal mit der Psychologie. In der Glücksforschung (die gibt es wirklich!) existiert ein Begriff dafür: die hedonistische Tretmühle. Sie besagt, dass ein höheres Einkommen und gesteigertes Wohlstandsniveau uns nicht in dem Maße glücklicher machen, wie wir unbedarft annehmen würden. Das ist ein klassisches und direktes Beispiel für das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. In der Volkswirtschaftslehre besagt das erste Gossensche Gesetz (Gesetz des abnehmenden Grenznutzens) nämlich, dass der zusätzliche Nutzen (Grenznutzen) jeder weiteren konsumierten Einheit eines Gutes kontinuierlich sinkt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Angus Deaton erforschten eine bemerkenswerte Grenze: Das emotionale Wohlbefinden erhöht sich zwar mit dem Einkommen, jedoch nur bis zu einer Schwelle von etwa 67 000 Euro jährlich. Anschließend lässt die Wirkung deutlich nach.

 

Ein Aspekt der Erklärung besteht darin, dass wir uns an jedes neue Wohlstandsniveau bemerkenswert rasch anpassen. Was gestern als Luxus galt, wird psychologisch nahezu über Nacht zur Grundausstattung und wird in einiger Zeit als „alt“ oder „veraltet“ angesehen. Der Bezugspunkt verändert sich mit dem Fortschritt – und deshalb bleibt das Empfinden von Knappheit unverändert, obwohl sich die tatsächlichen Bedingungen erheblich verbessert haben.

Aber: Interessant ist dabei, was sich diesem Mechanismus entzieht. Soziale Kontakte, echte Gespräche, verlässliche Beziehungen unterliegen offenbar nicht derselben Anspruchsinflation wie materielle Güter. Ein gutes Gespräch bleibt ein gutes Gespräch. Ein gutes Auto dagegen bleibt kein gutes Auto – irgendwann kommt ein neueres Modell, und das alte wirkt plötzlich bescheiden und "veraltet".

„Aufsteigende Treppe mit einer Figur, begleitet von einer gestrichelten Linie namens Anspruchsniveau, die im gleichen Abstand mitwächst, als Sinnbild für die hedonistische Tretmühle"
KI genereriert nach meiner Idee

 

Die Qual der Wahl

Ein weiterer Aspekt, der für mich von Bedeutung ist, betrifft das Konsumverhalten. In der Verhaltensökonomie ist das Auswahlparadox bekannt: Je größer die Anzahl der verfügbaren Möglichkeiten ist, desto schwieriger gestaltet sich die Entscheidung – und desto unzufriedener sind wir im Nachhinein mit der getroffenen Wahl. Das traditionelle Marmeladen-Experiment verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise: Bei der Auswahl von sechs verfügbaren Sorten tätigten erheblich mehr Personen einen Kauf im Vergleich zu vierundzwanzig Sorten. Eine größere Auswahl erweckte zwar Interesse, führte jedoch letztendlich zu einer Hemmung bei der Kaufentscheidung. „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“, sagt der Volksmund.

„Zwei Regale im Vergleich, eines mit sechs Gläsern und einem Häkchen für mehr Käufe, eines mit vierundzwanzig Gläsern und einem Fragezeichen für mehr Zögern, als Illustration des Auswahlparadoxes"
KI generiert nach meiner Vorgabe

 

Ich erkenne darin ein Muster, das weit über die Marmelade hinausgeht. Wir alle befinden uns in einer Welt, die eine historisch einzigartige Vielzahl an Möglichkeiten bietet – sei es im Bereich der Versicherungen, der Reiseziele, der Streamingdienste oder der beruflichen Laufbahnen. Diese Fülle wird aber selten als Freiheit empfunden. Die Fülle erscheint wie eine Aufgabe, die niemals vollständig abgeschlossen werden kann, begleitet von der fortwährenden Angst, möglicherweise die falsche Entscheidung zu treffen.

 

Der unsichtbare Diener der Bequemlichkeit

Der dritte Aspekt erscheint mir als Volkswirt am faszinierendsten, da er eine seltene Frage aufwirft: Wer übernimmt eigentlich die Kosten unserer Annehmlichkeiten?

 

Am Abend tätige ich eine Bestellung, und am folgenden Tag befindet sich das Paket vor der Tür. Ich starte eine Anwendung, und innerhalb weniger Minuten wird mir das Essen geliefert. Diese offensichtliche Tatsache stellt historisch betrachtet eine Sensation dar –sie wird aber von einer Arbeitswelt unterstützt, die im Alltag des Konsums nahezu unsichtbar bleibt. Ab Januar 2026 beträgt der Mindestlohn für Kurierfahrer 13,90 Euro brutto pro Stunde. Der Zoll untersucht inzwischen in zahlreichen Fällen, ob der Mindestlohn überhaupt eingehalten wird – beispielsweise weil Zeiten für das Beladen oder Rückfahrten zum Lager einfach nicht vergütet werden. Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitsrechtsexperten äußern sich offen über die prekären Subunternehmerstrukturen, die in bestimmten Bereichen der Lieferdienstbranche vorherrschen.

 

Es überrascht mich an dieser Stelle zwar nicht, dass solche Arbeitsbedingungen existieren – die Ausbeutung am Rand der Wirtschaft ist historisch betrachtet zwar kein neues Phänomen. Es erstaunt mich aber, wie problemlos wir als Verbraucher diese Ausgaben ignorieren. Die Annehmlichkeit wirkt auf uns als kostenfrei, da die tatsächlichen Ausgaben an anderer Stelle entstehen: bei denjenigen, die sie im wörtlichen Sinne tragen.

 

Bequemlichkeit als Grundrecht

Für mich formen diese drei Elemente zusammen ein Bild: Wir haben angefangen, uns an Standards zu gewöhnen, die es in der Geschichte nie zuvor gab, und betrachten sie inzwischen als Selbstverständlichkeiten. Eine Lieferung innerhalb von vierundzwanzig Stunden, kostenloser Rückversand und das ständige Erreichbarsein von Dienstleistungen – all das hat sich über die letzten Jahrzehnte zur gefühlten Grundausstattung entwickelt, fast wie ein Grundrecht.  Wenn eine Lieferung ausnahmsweise drei Tage anstatt der üblichen zwei benötigt, empfinden viele das schon als Zumutung.

 

Ich denke, das ist der zentrale Punkt des Wohlstandsparadoxes: Der materielle Wohlstand selbst hat sich gar nicht verkleinert – ganz im Gegenteil, er ist in der Geschichte trotz allem einmalig groß. Aber unser Bewusstsein dafür, was außergewöhnlich ist und was nicht, hat sich verkleinert! Wer Kinder hat weiß, dass sich die Freude über Weihnachtsgeschenke in Grenzen hält. Ein Geschenk mehr im Überfluss…

 

Die eigentliche Frage

Am Ende, glaube ich, stellen wir die falsche Frage. Nicht „Warum fühlen wir uns arm?“ sollte die Leitfrage sein, sondern: Was genau haben wir verlernt, den Wohlstand zu erkennen?

 

Vielleicht ist der Wohlstand nicht kleiner geworden. Nur unser Sinn dafür, ihn zu bemerken.

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