Warum wir Dinge behalten, die wir niemals kaufen würden: Der Besitztumseffekt

Vom rätselhaften Wert alter Tassen, Jacken und anderer Besitztümer
In meinem Küchenschrank steht eine Tasse, die ich seit Jahren nicht benutzt habe. Sie ist weder besonders schön noch selten. Der Henkel ist etwas unpraktisch, die Farbe hat ihre besten Zeiten hinter sich, und würde ich sie heute in einem Geschäft sehen, ließe ich sie vermutlich ohne Zögern stehen.
Trotzdem bleibt sie.
Gelegentlich nehme ich sie beim Aufräumen in die Hand, betrachte sie kritisch und stelle sie wieder zurück. Vielleicht könne man sie noch gebrauchen. Vielleicht sei es schade, etwas Brauchbares wegzuwerfen. Vielleicht hänge eine Erinnerung daran – ach ja, meine Ex-Frau hat sie mir geschenkt.
Der Mensch ist eben erfinderisch, wenn er seinen Besitz verteidigen muss.
Sobald es meins ist: Besitztum und Effekt
Die Verhaltensökonomie nennt dieses Phänomen Besitztumseffekt. Vereinfacht gesagt: Sobald uns etwas gehört, messen wir ihm häufig einen höheren Wert bei, als wir bereit wären, dafür zu bezahlen.
Das führt zu einer aufschlussreichen Frage: Würde ich diesen Gegenstand heute noch einmal kaufen? Bei erstaunlich vielen Dingen lautet die ehrliche Antwort: nein.
Ich würde die alte Jacke nicht kaufen, die seit Jahren auf ihren nächsten Einsatz wartet. Ich würde für das kaum gelesene Buch vermutlich kein Geld mehr ausgeben. Und das Küchengerät, dessen eigentliche Funktion ich nur noch ungefähr kenne, fände bei einer Neuanschaffung wohl keine ernsthafte Beachtung.
Aber weggeben? Das ist etwas anderes.
Verlieren schmerzt mehr
Ein Grund liegt darin, dass sich der Verzicht auf Besitz wie ein Verlust anfühlt. Und Verluste wiegen psychologisch oft schwerer als gleich große Gewinne.
Der Gegenstand hat dabei nicht unbedingt seinen Marktwert verändert. Verändert hat sich seine Beziehung zu mir. Er steht nicht mehr neutral im Regal eines Geschäfts. Er gehört zu meinem Haushalt, meiner Geschichte und manchmal auch zu meinem Selbstbild.
Das erklärt, warum gerade Privatverkäufer häufig einen Preis verlangen, den Käufer für übertrieben halten. Für den einen ist es ein gebrauchter Schreibtisch. Für den anderen der Tisch, an dem zwanzig Jahre lang gearbeitet wurde.
Beide sehen denselben Gegenstand. Aber nicht denselben Wert.
Besitz erzählt Geschichten
Natürlich ist nicht jeder Widerstand gegen das Wegwerfen irrational. Dinge können Erinnerungen tragen. Alte Werkzeuge erinnern an meinen Vater, ein Geschirr an gemeinsame Mahlzeiten mit meiner Ex, ein Buch an eine bestimmte Lebensphase. Solche Werte lassen sich nicht in Euro ausdrücken.
Problematisch wird es erst, wenn wir jedem Gegenstand vorsorglich eine Bedeutung zuschreiben, nur weil er bereits da ist. Dann wird aus Erinnerung Lagerhaltung. Und aus Sparsamkeit entsteht ein Keller voller Dinge, die „noch gut“ sind, aber niemals wieder benutzt werden.

Eine kleine Probe aufs Eigentum
Beim Aussortieren hilft mir inzwischen eine einfache Umkehrung: Angenommen, dieser Gegenstand gehörte mir noch nicht – wie viel würde ich heute dafür bezahlen?
Die Frage verändert den Blick. Plötzlich muss sich der Gegenstand nicht mehr gegen das Wegwerfen verteidigen. Er muss sich neu um einen Platz in meinem Leben bewerben. Er trägt, so nennt man das, die „Beweislast“, nicht weggeworfen zu werden.
Manches besteht diese Prüfung mühelos. Anderes verliert innerhalb weniger Sekunden jenen geheimnisvollen Wert, den es offenbar nur deshalb besaß, weil es schon lange im Schrank stand.
Der Besitztumseffekt zeigt etwas sehr Menschliches: Wir bewerten Dinge nicht nur danach, was sie können oder kosten. Wir bewerten sie danach, ob sie uns gehören. Das ist gewiss nicht immer unvernünftig, denn Eigentum schafft Bindung, Verantwortung und Verlässlichkeit.

Aber gelegentlich lohnt sich die Frage, ob wir einen Gegenstand besitzen – oder ob er längst einen festen Platz in unserem Denken besetzt hält.
Die Tasse steht übrigens noch immer im Schrank. Aber ihre Position ist nicht mehr ganz so sicher – so wie die meiner Ex.


