Wenn das Gute kippt

Fünf Tugenden und ihre gefährliche Überdosierung
Im ersten Teil meiner kleinen Reihe ging es mir um einen zunächst unbequemen Gedanken: Auch Tugenden besitzen Grenzen. Aristoteles nannte das die Lehre vom rechten Maß. Das Wertequadrat formuliert denselben Gedanken moderner: Ein Wert benötigt einen positiven Gegenwert, damit er nicht in seine „entwertete Übertreibung“ kippt. Und mit Paracelsus habe ich das Prinzip zugespitzt auf eine einfache Formel gebracht: Nicht allein die Substanz entscheidet über ihre Wirkung – auch die Dosis zählt.
Doch Philosophie wird für mich erst wirklich interessant, wenn man sie auf die Realität loslässt.
Denn Gesellschaften leiden keineswegs nur darunter, dass Menschen zu wenig loyal, zu wenig tolerant, zu sorglos, verschwenderisch oder ungerecht sind. Sie können sogar auch daran Schaden nehmen, wenn aus einem berechtigten Wert eine alles andere verdrängende Maxime wird. Das Gute kippt nicht, weil es plötzlich böse geworden ist. Es kippt, weil es keinen Gegenwert mehr duldet!

Fünf Beispiele sollen zeigen, was ich damit meine
1. Loyalität: Wenn Zusammenhalt zum Schweigegelübde wird
Loyalität gehört zu den Voraussetzungen jeder funktionierenden Gemeinschaft.
Ein Unternehmen, dessen Beschäftigte sich bei jeder Meinungsverschiedenheit voneinander distanzieren, kann ebenso wenig funktionieren wie eine Familie oder eine politische Organisation, in der niemand bereit ist, für den anderen einzustehen. Loyalität schafft Vertrauen, reduziert Unsicherheit und sie erlaubt Kooperation über den unmittelbaren Eigennutzen hinaus.
Aber Loyalität besitzt einen natürlichen Gegenspieler: Wahrhaftigkeit.
In dem Moment, in dem die Loyalität gegenüber der Gruppe wichtiger wird als die Wahrheit über die Gruppe, verändert sich ihr Charakter. Aus dem Satz „Ich stehe zu meinen Kollegen“ wird irgendwann
„Über unsere Kollegen reden wir nicht.“ Und aus Zusammenhalt entsteht ein mitunter unguter Korpsgeist.
Nehmen wir den VW-Abgasskandal als Beispiel für diesen Mechanismus. Beobachter beschrieben eine stark hierarchisch geprägte Unternehmenskultur, in der ein homogenes Führungssystem und ein ausgeprägtes „Alle-im-selben-Boot-Gefühl“ dazu beitragen konnten, Kritik zu unterdrücken und Regelverstöße lange nicht offen anzusprechen. Entscheidend ist für mich dabei nicht, VW monokausal auf „zu viel Loyalität“ zurückzuführen. Das wäre zu einfach. Interessanter ist das dahinterliegende Organisationsproblem: Was geschieht, wenn Widerspruch als Illoyalität interpretiert wird?
Dann gelangen nämlich schlechte Nachrichten immer schwerer nach oben. Menschen beginnen, nicht mehr das zu sagen, was sie für wahr halten, sondern das, was ihre Stellung innerhalb der Gruppe schützt. Das ökonomische Ergebnis kann verheerend sein: Fehlentscheidungen werden zu spät korrigiert, Kapital wird falsch eingesetzt, notwendige Reformen unterbleiben.
Loyalität benötigt deshalb als Ausgleichswert Kritikfähigkeit. Ein wirklich loyaler Mitarbeiter ist nicht derjenige, der seinem Unternehmen jeden Fehler verzeiht. Vielleicht ist er sogar gerade derjenige, der rechtzeitig widerspricht.
2. Toleranz: Wenn Offenheit zur Selbstaufgabe wird
Toleranz gehört gewiss zu den größten zivilisatorischen Errungenschaften unserer pluralistischen Gesellschaft. Sie verlangt aber etwas, das psychologisch wohl keineswegs selbstverständlich ist: Menschen dürfen Überzeugungen äußern und Lebensweisen pflegen, die wir selbst für falsch halten. Eine liberale Gesellschaft lebt gerade davon, dass nicht jede Differenz durch Zwang beseitigt wird. Aber selbst Toleranz benötigt einen Gegenwert.
Karl Popper formulierte das Problem 1945 in seinem berühmten Toleranzparadoxon:
„Uneingeschränkte Toleranz muss zum Verschwinden der Toleranz führen.“ Sein Argument war keineswegs, jede intolerante Meinung sofort zu verbieten. Solange sich intolerante Strömungen durch Argument, Öffentlichkeit und demokratischen Widerspruch zurückweisen lassen, hielt er Unterdrückung gerade nicht für die erste Antwort. Das Problem beginnt dort, wo sich eine offene Gesellschaft weigert, zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Dingen zu unterscheiden: dem Recht, die liberale Ordnung zu kritisieren – und dem Anspruch, sie abzuschaffen.
Toleranz bedeutet, dass jemand eine andere Religion haben darf. Oder auch keine.
Dass er politisch links, rechts, konservativ, liberal oder sozialistisch denken kann. Sie bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass eine freie Ordnung auch ihre eigene Abschaffung neutral und tolerant hinnehmen muss.
Die Überdosierung der Toleranz besteht deshalb nicht in „zu viel Freundlichkeit“. Sie besteht in der Vorstellung, jede Grenzziehung sei bereits Intoleranz. Dann wird nämlich aus Offenheit moralische Gleichgültigkeit.
Eine Gesellschaft verliert dann die Fähigkeit, zu sagen: Hier endet Meinungsvielfalt und dort beginnt die Zerstörung der Voraussetzungen, unter denen Meinungsvielfalt überhaupt möglich ist. Der notwendige Gegenwert lautet: Wehrhaftigkeit. Oder vielleicht sogar noch besser: Urteilskraft.
Denn ich meine, Toleranz ohne Urteilskraft kann kaum unterscheiden, was sie dulden und was sie verteidigen muss.
3. Sicherheit: Wenn Vorsorge das Leben selbst erstickt
Kaum jemand wird bestreiten, dass Sicherheit ein Wert ist. Ein Rechtsstaat soll seine Bürger vor Gewalt schützen, Unternehmen müssen Unfallrisiken begrenzen, technische Anlagen benötigen Standards, Medikamente sollen geprüft werden und Lebensmittel dürfen nicht beliebig gefährlich sein.
All das ist sehr vernünftig. Das Problem beginnt aber bei einem unscheinbaren Gedanken: Was wäre, wenn noch ein Restrisiko bleibt? Denn wir alle wissen: fast immer bleibt eines.
Aber sobald Sicherheit zum absoluten Wert erhoben wird, lässt sich aus jedem verbleibenden Risiko eine weitere Vorschrift, eine zusätzliche Prüfung oder eine neue Kontrollinstanz begründen.
Dann entsteht ein Kreislauf: Regulierung beseitigt ein Risiko. Dadurch rückt das nächstkleinere Risiko stärker ins Blickfeld. Dieses rechtfertigt zusätzliche Regulierung. Und irgendwann wird nicht mehr gefragt, ob Sicherheit sinnvoll ist, sondern nur noch, warum sie nicht vollständig ist.
Dies ist für mich der Kipppunkt: der Übergang vom berechtigten Vorsorgeprinzip zu totaler Risikovermeidung. Die möglichen Folgen reichen z.B. von steigender Bürokratie bis hin zu verzögerten Infrastruktur- und Innovationsprojekten.
Im politischen Extrem kann Sicherheitsdenken sogar zur Begründung umfassender Kontrolle werden.
Natürlich wäre es unseriös, jede neue Vorschrift mit einem Überwachungsstaat gleichzusetzen. Aber das Extrem macht den Mechanismus sichtbar: Wo Sicherheit nicht mehr gegen Freiheit abgewogen werden muss, lässt sich beinahe jeder Eingriff mit irgendeinem Sicherheitsgewinn rechtfertigen.
Sicherheit benötigt deshalb einen Gegenwert. Nicht Leichtsinn oder Fahrlässigkeit. Sondern:
Freiheit und Risikobereitschaft. Eine Gesellschaft muss akzeptieren, dass ein freies Leben niemals völlig risikofrei sein kann. Das möchte ich zugespitzt formulieren: Eine Gesellschaft, die jedes Risiko vermeiden will, muss irgendwann auch jede Möglichkeit vermeiden. Und irgendwann wird der Versuch, das Leben vollständig abzusichern, selbst zu einem Risiko für das Leben, das man schützen wollte.
4. Sparsamkeit: Wenn die schwäbische Hausfrau zur schlechten Makroökonomin wird
Kaum eine Tugend besitzt in Deutschland einen besseren Ruf als Sparsamkeit. Und dafür gibt es gute Gründe. Wer dauerhaft mehr ausgibt, als er einnimmt, bekommt früher oder später Schwierigkeiten.
Das gilt für private Haushalte genauso wie für Unternehmen. Und grundsätzlich gilt es natürlich auch für Staaten. Nur steckt hier ein ökonomisches Problem, das Aristoteles vermutlich gefallen hätte: Was für den Einzelnen vernünftig ist, muss nicht in jeder Situation für alle zugleich vernünftig sein.
Wenn ein Haushalt spart, kann er Vermögen bilden. Wenn aber in einer schweren Rezession Haushalte, Unternehmen und Staat gleichzeitig ihre Ausgaben drastisch reduzieren, sinkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Unternehmen verkaufen weniger und investieren weniger. Beschäftigung und Einkommen geraten unter Druck. Darauf reagieren die Beteiligten möglicherweise mit noch stärkerem Sparen. Das ist der Kern des keynesianischen Paradox of Thrift: Die individuell vernünftige Sparentscheidung kann bei ihrer Verallgemeinerung einen gesamtwirtschaftlich unerwünschten Effekt erzeugen.
Besonders umstritten war dieses Problem während der europäischen Staatsschuldenkrise.
Denken wir an Griechenland zwischen 2010 und 2014. Nach Berechnungen des IMK gingen die Konsolidierungsmaßnahmen mit einem massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung und der öffentlichen Investitionen einher. Auch hier gilt jedoch: Die Schlussfolgerung aber darf dann nicht lauten: „Schulden sind gut.“ Das wäre lediglich die umgekehrte Überdosierung. Auch ist nicht Sparsamkeit das Problem. Das Problem entsteht, wenn Sparen zum Selbstzweck wird und notwendige Investitionen verdrängt.
Wer sein Haus jahrzehntelang nicht streicht, weil Farbe Geld kostet, lebt nicht besonders sparsam.
Er verschiebt Kosten in die Zukunft. Genau diese Unterscheidung ist auch für Staaten wichtig:
Ausgaben sind nicht automatisch Investitionen. Aber Investitionen sind eben auch nicht automatisch Verschwendung. Sparsamkeit benötigt deshalb als Gegenwert: Investitionsbereitschaft und Zukunftsorientierung. Oder einfacher: Man muss wissen, wann Sparen teuer wird.
5. Gerechtigkeit: Wenn Gleichheit zur Gleichmacherei wird
Kaum ein Wert ist derzeit politisch wirkungsmächtiger als Gerechtigkeit. Und kaum einer ist gleichzeitig schwieriger zu definieren. Wir sprechen von: Gleichheit vor dem Gesetz, Chancengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit. Schon meine Aufzählung zeigt das Problem: „Gerechtigkeit“ bezeichnet nicht einen einzigen Wert, sondern mehrere Ansprüche, die miteinander in Konflikt geraten können.
In einer freien Gesellschaft erscheint mir zunächst insbesondere die Gleichheit vor dem Recht unverzichtbar. Ebenso wichtig ist die Forderung, dass Herkunft, Geschlecht oder soziale Zugehörigkeit Menschen nicht grundsätzlich von Chancen ausschließen dürfen. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass auch die Ergebnisse menschlichen Handelns möglichst gleich sein müssen. Menschen entscheiden nun mal unterschiedlich. Sie besitzen unterschiedliche Fähigkeiten. Sie arbeiten unterschiedlich viel. Sie übernehmen unterschiedliche Risiken. Sie setzen unterschiedliche Prioritäten zwischen Einkommen, Familie, Freizeit, Karriere und Sicherheit. Sie wollen unterschiedliche Ziele erreichen.
Meine Frage lautet deshalb:
Wann wird der berechtigte Wunsch nach Gerechtigkeit zur Forderung, Unterschiede als solche beseitigen zu müssen?
Dies ist der Kipppunkt: der Übergang von Chancengerechtigkeit zu erzwungener Ergebnisgleichheit.
Ökonomisch wird das insbesondere dann relevant, wenn zusätzliche Leistung kaum noch zu einem höheren verfügbaren Einkommen führt. Hohe Steuern allein erklären dieses Problem nicht. Entscheidend sind auch wegfallende Sozialleistungen und Transfers. Eine ungünstige Kombination kann dazu führen, dass sich zusätzliche Arbeit finanziell nur wenig lohnt. Das bedeutet nicht, dass soziale Umverteilung grundsätzlich wirtschaftsschädlich wäre. Auch das wäre zu einfach.
Eine Marktwirtschaft benötigt sozialen Ausgleich schon deshalb, weil gesellschaftliche Teilhabe, Bildungszugänge und soziale Stabilität selbst Voraussetzungen ihrer Funktionsfähigkeit sind.
Der Kipppunkt liegt für mich woanders: Wenn Gerechtigkeit mit vollständiger Ergebnisgleichheit verwechselt wird. Dann nämlich wird jede Ungleichheit bereits zum moralischen Verdacht.
Unterschiede dürfen nicht mehr das Ergebnis unterschiedlicher Leistungen, Entscheidungen oder Risiken sein, sondern müssen politisch korrigiert werden. Aus Gerechtigkeit entsteht dann Gleichmacherei.
Der notwendige Gegenwert lautet: Leistungsprinzip, Eigenverantwortung und Individualität.
Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle am Ende dasselbe haben. Eine gerechte Ordnung muss vielmehr erklären können, welche Unterschiede sie zulässt – und warum.
Fünf Tugenden – fünf Kipppunkte
Damit ergibt sich ein Muster:

Und ich würde sogar noch eine sechste Tugend hinzufügen, weil sie zum Titel dieser Reihe besonders gut passt: Anstand. Anstand erleichtert gewiss das Zusammenleben. Er verlangt Höflichkeit, Rücksicht und Respekt. Doch selbst Anstand besitzt für mich einen Gegenwert: Streitfähigkeit.
Eine Gesellschaft jedoch, in der jede deutliche Kritik als unanständig gilt, entwickelt irgendwann eine merkwürdige Form der Höflichkeit: Man spricht ausgesprochen respektvoll über Nebensächlichkeiten, schweigt aber ebenso höflich über die eigentlichen Probleme. Eine mögliche Übersteigerung von Harmoniebedürfnis und Anstand kann somit zu Konformismus, Heuchelei und der Verdrängung realer Konflikte führen. Vielleicht ist gerade das eine der gefährlichsten Überdosierungen. Denn offene Konflikte kann man lösen. Verdrängte Konflikte wachsen aber unkontrolliert im Verborgenen.
Das eigentliche Problem ist die moralische Monokultur
Was verbindet diese Beispiele? Nicht, dass Loyalität, Toleranz, Sicherheit, Sparsamkeit oder Gerechtigkeit schlechte Werte wären. Das Gegenteil ist natürlich der Fall.
Gerade weil sie gut sind, besitzen sie auch politische Macht.
Aber: Wer gegen Freiheit argumentiert, muss sich rechtfertigen.Wer dagegen behauptet, lediglich mehr Sicherheit schaffen zu wollen, besitzt zunächst die moralisch bequemere Position.
Wer Gleichheit fordert, klingt menschlicher als derjenige, der nach Leistungsanreizen fragt.
Wer Toleranz fordert, ist sympathischer als derjenige, der Grenzen der Toleranz diskutiert.
Wer Solidarität verlangt, ist großzügiger als derjenige, der Eigenverantwortung erwähnt. Usw.
Und genau darin liegt eine Gefahr, die ich ständig sehe: Moralische Begriffe können Diskussionen beenden, bevor die Güterabwägung überhaupt begonnen hat. Dann lautet die Frage nicht mehr:
Wie viel Sicherheit brauchen wir? sondern: Wie kannst du gegen Sicherheit sein?
Nicht: Welche Form der Gleichheit ist gerecht? sondern: Warum willst du Ungleichheit verteidigen? Nicht: Wo liegen die Grenzen der Solidarität? sondern: Warum bist du unsolidarisch?
An diesem Punkt wird aus einer Tugend quasi eine moralische Monokultur. Und Monokulturen sind nicht nur in der Landwirtschaft anfällig...
Vielleicht braucht eine gute Gesellschaft gerade Widersprüche
Je länger ich über diese Beispiele nachdenke, desto weniger glaube ich an Gesellschaften, die sich quasi um einen einzigen höchsten Wert organisieren können. Eine freie Ordnung lebt vielmehr davon, Spannungen auszuhalten: Freiheit und Sicherheit. Solidarität und Eigenverantwortung. Toleranz und Wehrhaftigkeit. Loyalität und Kritik. Gleichheit und Unterschiedlichkeit.

Das kleine Wort „und“ ist dabei wichtiger, als es aussieht. Denn es zwingt uns zur Abwägung. Und Abwägung ist anstrengender als moralische Gewissheit. Vielleicht besteht der politische Wert der Tugendlehre gerade darin, dass sie uns daran erinnert: Nicht jeder, der einen guten Wert begrenzt, ist gegen diesen Wert. Manchmal schützt er ihn gerade vor seiner Übertreibung.
Damit stellt sich allerdings eine neue Frage. Wenn Menschen und Gesellschaften dazu neigen, einzelne Werte zu verabsolutieren – können wir uns dann darauf verlassen, dass sie rechtzeitig von selbst Maß halten? Wahrscheinlich nicht. Und damit gelangen wir von der Moral zur Ordnungspolitik.
Denn wenn Tugenden ihre Gegenwerte brauchen, braucht Macht auch Gegenmacht.
Deshalb meine Fortsetzung in meinem nächsten Blogbeitrag – „Moral braucht Gegenmacht: Warum eine freie Gesellschaft Tugenden begrenzen muss“


