Wer scrollt hier eigentlich wen? Der Hypernudge

Über den Unterschied zwischen einem Nudge und einem Hypernudge
Nur kurz nachsehen, ob jemand geantwortet hat – so beginnt es meistens. Dann folgen ein politischer Beitrag, ein Video mit steiler These, ein Hund, der erstaunlich menschlich schaut. Bei Gewohnheit Nummer sieben erfolgreicher Menschen fällt auf: Es ist eine halbe Stunde vergangen. Ich hatte nur eine Nachricht lesen wollen. Und war doch freiwillig geblieben.
Vom Nudge zum Hypernudge
Ein klassischer Nudge verändert die Umgebung, in der wir entscheiden: In der Kantine liegt das Obst gut sichtbar, die Süßigkeiten weniger auffällig. Die Anordnung bleibt für alle gleich. Der digitale Hypernudge, ein Begriff der Rechtswissenschaftlerin Karen Yeung, geht weiter: Er ist vernetzt, dynamisch, fortlaufend aktualisiert. Er baut nicht für alle dasselbe Regal, sondern für jeden Nutzer fortwährend einen anderen Supermarkt.

Der nächste Beitrag könnte der gute sein
Gerade weil ich nicht weiß, wann etwas wirklich Interessantes erscheint, wische ich weiter. Eine Studie mit über einer Million Beiträgen legt nahe, dass solche unregelmäßigen Rückmeldungen wie Likes das Verhalten über Mechanismen des Belohnungslernens beeinflussen. Nicht das Wichtige erhält die Aufmerksamkeit, sondern das, was sie am zuverlässigsten bindet.
Wenn selbst der Gesetzgeber sucht
Im Februar 2026 kam die EU-Kommission vorläufig zu dem Ergebnis, dass Gestaltungselemente von TikTok – endloser Strom, Autoplay, personalisierte Empfehlungen – gegen den Digital Services Act verstoßen könnten. Zwischen digitalem Laissez-faire und staatlicher Erziehungsanstalt liegt ein breites Feld, das über Transparenz und echte Wahlmöglichkeiten verhandelt werden muss.

Natürlich scrolle ich. Gleichzeitig sortiert das System die Welt für mich. Wer darauf vorschnell mit Ja antwortet, sollte nur einmal kurz nachsehen, wie viel Zeit seit dem Öffnen der Anwendung vergangen ist. Aber wirklich nur kurz.


