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Das berühmte Experiment, das vielleicht gar nicht stimmt

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
vor 7 Stunden
6 Min. Lesezeit

Wie ein paar Wörter Menschen angeblich langsamer gehen ließen – und was das Florida-Experiment über die Verhaltensforschung verrät


Ich möchte mit einem Experiment beginnen, das fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Einige junge Studenten sitzen in einem Labor und sollen aus vorgegebenen Wörtern Sätze bilden. Eigentlich nichts Besonderes. Doch ein Teil der Teilnehmer bekommt dabei immer wieder Begriffe zu sehen, die unauffällig mit Alter verbunden sind: „grau“, „vergesslich“, „Falten“, „Bingo“ – und auch das Wort „Florida“, damals in den USA ein verbreitetes Sinnbild für den Ruhestand.


Die Studenten wissen nicht, worum es wirklich geht. Nach der Aufgabe verlassen sie das Labor und gehen einen Flur entlang. Und nun geschieht das Erstaunliche: Diejenigen, die zuvor mit den Altersbegriffen beschäftigt waren, gehen langsamer als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Junge Menschen bewegen sich also plötzlich ein wenig wie alte Menschen – nur weil sie zuvor Wörter gelesen haben, die mit Alter verbunden sind.

So jedenfalls lautete das Ergebnis eines berühmten Experiments von John Bargh, Mark Chen und Lara Burrows aus dem Jahr 1996. Für die damalige Psychologie war das eine kleine Sensation.

Für mich ist es heute vor allem eine Warnung.


Eine verblüffende Idee

Das zugrunde liegende Konzept nennt man „Priming“. Gemeint ist damit, vereinfacht gesagt, dass ein vorausgehender Reiz unsere späteren Gedanken oder unser Verhalten beeinflussen kann. Das ist zunächst gar nicht besonders ungewöhnlich. Wenn ich das Wort „Arzt“ lese, wird mir das Wort „Krankenhaus“ möglicherweise schneller einfallen als das Wort „Segelboot“. Bestimmte Gedanken aktivieren verwandte Gedanken. Solche einfachen sprachlichen Effekte sind gut belegt und kennt wohl auch jeder.

Das Florida-Experiment ging jedoch wesentlich weiter. Hier sollte nicht nur ein Gedanke beeinflusst werden. Die Versuchspersonen sollten tatsächlich ihr körperliches Verhalten verändern – ohne es selbst zu bemerken. Genau das machte das Experiment so faszinierend. Der Mensch, so schien es, wurde viel stärker durch unbewusste Reize gesteuert, als er selbst wahrnahm. Ein paar Wörter genügten.


Die Geschichte passte perfekt in ihre Zeit

Das Experiment wurde berühmt. Es fand Eingang in Lehrbücher und populärwissenschaftliche Darstellungen. Selbst Nobelpreisträger  Daniel Kahneman erwähnte entsprechende Priming-Forschung in seinem Bestseller „Thinking, Fast and Slow“. Die Botschaft war eingängig: Wir halten uns für selbstbestimmte Menschen, tatsächlich aber reagieren wir ständig auf Reize, die wir kaum bemerken. Das passte hervorragend zu einer damals immer einflussreicher werdenden Vorstellung vom Menschen.

Auch die Verhaltensökonomie stellte zunehmend infrage, dass Menschen stets bewusst, überlegt und vernünftig entscheiden. Wir lassen uns gerne beeinflussen. Von Voreinstellungen. Von Preisen. Von Formulierungen. Von Vergleichswerten. Von unserer Umgebung. Und offenbar sogar von einzelnen Wörtern.

In meinem Buch „Der gesteuerte Mensch“ (BoD, 2026) beschäftige ich mich ausführlich mit dieser Entwicklung. Das Florida-Experiment behandle ich dort in Kapitel 7.3.1. Für mich ist es nicht deshalb interessant, weil es besonders kurios ist. Es ist interessant, weil es beispielhaft zeigt, wie schnell aus einem Laborbefund eine weitreichende Vorstellung vom Menschen entstehen kann.

Infografik zum sogenannten Florida-Experiment. Dargestellt wird das Originalexperiment von 1996: Studierende bilden Sätze mit altersbezogenen Wörtern wie ‚Florida‘, ‚grau‘ und ‚vergesslich‘ und gehen danach einen Flur entlang. Die Grafik zeigt außerdem, warum der Befund berühmt wurde, wie spätere Replikationen mit größerer Stichprobe und objektiver Messung den Effekt nicht zuverlässig bestätigen konnten, und nennt als Lehre: Ein spektakulärer Laborbefund ist noch keine gesicherte Wahrheit.
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Dann versuchte man, das Experiment zu wiederholen

Wissenschaft lebt jedoch von einer einfachen Regel: Ein Ergebnis sollte nicht nur einmal funktionieren. Andere Forscher müssen ein Experiment unter möglichst ähnlichen Bedingungen wiederholen können und zu einem vergleichbaren Ergebnis gelangen. Diese Wiederholung nennt man Replikation.

Und genau hier begann das Problem. 2012 wiederholten Stéphane Doyen und seine Kollegen das berühmte Experiment mit einer größeren Teilnehmerzahl und einer genaueren Messmethode. Diesmal wurde die Gehgeschwindigkeit nicht mit einer Stoppuhr erfasst, sondern objektiv mit Sensoren. Das Ergebnis: Der ursprüngliche Effekt verschwand. Die mit Altersbegriffen beschäftigten Teilnehmer gingen nicht langsamer.

Noch interessanter wurde es in einem weiteren Versuch. Dort zeigte sich ein Effekt nur dann, wenn die Versuchsleiter selbst erwarteten, dass die Teilnehmer langsamer gehen würden. Das deutete auf eine andere Erklärung hin. Vielleicht beeinflussten gar nicht die Wörter das Verhalten der Teilnehmer. Vielleicht beeinflussten – zumindest teilweise – die Erwartungen der Versuchsleiter das Experiment!


Das Problem war größer als ein einzelnes Experiment

Man könnte nun sagen: Ein Experiment hat eben nicht funktioniert. Wissenschaft korrigiert sich. Das stimmt. Doch leider blieb es nicht bei einem einzigen Fall. In den vergangenen Jahren stellte sich heraus, dass sich zahlreiche spektakuläre Ergebnisse aus Psychologie und Verhaltensforschung bei Wiederholungen nicht bestätigen ließen.

Man spricht deshalb von der Replikationskrise.

Auch die experimentelle Wirtschaftsforschung war betroffen. In einem großen Wiederholungsprojekt von 2016 konnten nur etwa 61 Prozent der untersuchten ökonomischen Experimente in der ursprünglichen Richtung bestätigt werden. Und selbst dort, wo ein Effekt erneut gefunden wurde, war er im Durchschnitt deutlich kleiner als ursprünglich berichtet. Bei einer weiteren Untersuchung sozialwissenschaftlicher Experimente lag die Erfolgsquote ähnlich.

Das bedeutet keineswegs, dass 40 Prozent aller Forschung falsch sind. So einfach ist Wissenschaft nun auch wieder nicht. Aber es bedeutet: Viele Ergebnisse waren offenbar weit weniger stabil, als ihre Bekanntheit vermuten ließ.


Warum passiert so etwas?

Auch hier lohnt sich Vorsicht. Es geht in den meisten Fällen gar nicht um Betrug. Das Problem liegt häufig im Wissenschaftssystem selbst. Besonders überraschende Ergebnisse sind interessanter als langweilige Ergebnisse. Ein Experiment mit der Überschrift „Wir haben nichts gefunden“ begeistert weder Journalisten noch wissenschaftliche Zeitschriften. Ein spektakulärer Befund dagegen schon.

Dadurch entsteht ein Problem. Experimente mit auffälligen Ergebnissen werden eher veröffentlicht. Experimente ohne Effekt verschwinden häufiger in der Schublade. Hinzu kamen früher oft sehr kleine Gruppen von Versuchspersonen. Beim Florida-Experiment waren es ungefähr 30 Teilnehmer je Gruppe. Bei kleinen Gruppen kann der Zufall eine zu große Rolle spielen.

Ein ungewöhnlich großer Effekt sieht dann beeindruckend aus – muss aber beim nächsten Versuch nicht wieder auftauchen. Genau solche Probleme gehören zu den Ursachen der Replikationskrise.


Vom Labor zum Menschenbild

Hier beginnt für mich der eigentlich interessante Teil. Wenn ein kleines Experiment lediglich eine wissenschaftliche Fachfrage beantwortet, bleibt ein Fehler überschaubar.

Anders sieht es aus, wenn daraus ein Menschenbild entsteht. Denn viele populäre Befunde der Verhaltensforschung wurden nicht nur als interessante Beobachtungen verstanden. Sie wurden als Belege dafür verwendet, wie leicht Menschen gesteuert werden können. Und daraus entstand irgendwann die nächste Frage: Wenn Menschen so leicht beeinflussbar sind – sollte man ihre Entscheidungsumgebung dann nicht gezielt gestalten?

Hier führt der Weg direkt zum Nudging. Man verändert die Umgebung so, dass Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Entscheidung treffen. Das kann sinnvoll sein. Aber genau deshalb sollte die wissenschaftliche Grundlage besonders solide sein. Denn zwischen den Aussagen „Menschen reagieren manchmal auf bestimmte Einflüsse“ und „Wir können menschliches Verhalten zuverlässig steuern“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Das Florida-Experiment zeigt, wie schnell dieser Unterschied verschwinden kann.

Infografik zur Replikationskrise in Psychologie und Verhaltensökonomie. Sie erklärt, dass viele bekannte Studien bei Wiederholungen schwächere oder gar keine Effekte zeigen. Hervorgehoben werden Zahlen zu Replikationsraten und Effektgrößen, typische Ursachen wie Schubladen-Effekt, p-Hacking, HARKing und kleine Stichproben sowie die zentrale Aussage, dass reale Verhaltenseffekte oft kleiner, abhängiger vom Zusammenhang und schwerer zu steuern sind, als frühe Laborstudien vermuten ließen.
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Auch Nudges wirken oft kleiner als gedacht

Ein ähnliches Problem zeigt sich bei politischen Nudges. Eine große Untersuchung realer staatlicher Programme ergab 2022, dass praktische Nudges im Durchschnitt deutlich kleinere Wirkungen erzielten als zuvor veröffentlichte akademische Studien vermuten ließen. Während wissenschaftliche Veröffentlichungen durchschnittliche Verhaltensänderungen von rund 8,7 Prozentpunkten auswiesen, lagen reale staatliche Anwendungen bei etwa 1,4 Prozentpunkten.

Auch hier bedeutet das nicht, dass Nudging wirkungslos ist. Es bedeutet etwas viel Interessanteres: Die Welt außerhalb des Labors ist viel komplizierter.

Menschen besitzen Biografien, Interessen, Gewohnheiten, Überzeugungen und soziale Beziehungen. Sie leben nicht in Versuchsräumen. Und genau deshalb sollten wir bei spektakulären Aussagen über die Steuerbarkeit des Menschen vorsichtig sein.


Die Replikationskrise ist aber auch eine gute Nachricht

Ich möchte die Geschichte deshalb nicht als Abrechnung mit der Psychologie oder der Verhaltensökonomie erzählen. Das wäre falsch. Wissenschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie ihre eigenen Fehler entdecken kann.

Heute sind viele Regeln strenger. Forscher legen häufiger bereits vor einem Experiment fest, welche Hypothese sie prüfen und wie sie die Daten auswerten wollen. Rohdaten werden zugänglich gemacht. Größere Teilnehmergruppen sind üblich geworden. Wiederholungsstudien genießen mehr Aufmerksamkeit. Die Replikationskrise hat Wissenschaft nicht zerstört. Sie hat sie gezwungen, genauer zu werden.


Was vom Florida-Experiment bleibt

Die berühmte Behauptung, Altersbegriffe ließen junge Menschen unbewusst langsamer gehen, gilt heute unter methodisch strengen Forschern nicht mehr als zuverlässig belegt. Andere, einfachere Formen des Primings sind durchaus stabil. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die Lehre lautet also nicht: „Priming gibt es nicht.“ Und schon gar nicht: „Die Verhaltensökonomie ist widerlegt.“

Meine Schlussfolgerung ist eine andere. Wir sollten misstrauisch werden, wenn ein einzelnes spektakuläres Experiment plötzlich sehr große Aussagen über den Menschen tragen soll. Genau deshalb habe ich das Florida-Experiment in „Der gesteuerte Mensch“ aufgenommen. Es erinnert mich an eine Tugend, die in der Wissenschaft manchmal weniger Aufmerksamkeit bekommt als spektakuläre Ergebnisse: Bescheidenheit. Vielleicht lässt sich der Mensch beeinflussen. Vielleicht sogar stärker, als wir gelegentlich wahrhaben wollen. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass wir ihn zuverlässig steuern können.

Und bevor aus einem Laborversuch eine Theorie über den Menschen – oder gar ein politisches Steuerungsprogramm – wird, sollte eine einfache Frage beantwortet sein:

Funktioniert das berühmte Experiment eigentlich ein zweites Mal? Damit es nicht mehr heißt: Das berühmte Experiment, das vielleicht gar nicht stimmt.

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