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Wie wir entscheiden – und wie wir gelenkt werden

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
6. Aug.
2 Min. Lesezeit

Der sanfte Schubs

Ein Satz hat in den letzten zwanzig Jahren mehr politische Karriere gemacht als fast jeder andere ökonomische Begriff: der "sanfte Schubs". Ein Nudge. Die Idee dahinter klingt zunächst harmlos, fast fürsorglich: Menschen treffen nicht immer die Entscheidung, die sie selbst als richtig ansehen würden – zu viele Optionen, zu wenig Zeit, zu viele kognitive Abkürzungen. Also gestaltet man die Umgebung so um, dass die vermeintlich bessere Entscheidung leichter fällt, ohne dass jemand gezwungen wird. Niemand verbietet etwas. Niemand muss draufzahlen. Man wird nur ein wenig geschubst.


Genau in dieser Formulierung liegt das Problem, mit dem sich diese Blog-Rubrik beschäftigt.


Denn die Frage, die dabei viel zu selten gestellt wird, lautet: Wer entscheidet eigentlich, in welche Richtung geschubst wird? Wer nimmt sich das Recht dazu? Und woher nimmt derjenige, der schubst, die Gewissheit, besser zu wissen als der Betroffene selbst, was für ihn gut ist? Ein Standard-Formular, ein cleveres Layout, eine Reihenfolge von Optionen – all das wirkt technisch, fast unpolitisch. Ist es aber nicht. Es ist eine der leisesten Formen von Macht, die eine Gesellschaft kennt, gerade weil sie sich nie wie Macht anfühlt.

Nudging-wer schubst?
KI-Bild, aber nach meiner Skizze!

Kurz, aktuell, überraschend

Ich beschäftige mich in meinem Buch Der gesteuerte Mensch ausführlich mit dieser Frage, mit der Verhaltensökonomie als Wissenschaft und mit dem politischen Gebrauch, der aus ihr gemacht wird. Diese Blog-Rubrik ist der lockerere, alltagsnähere Zwilling dazu. Sie soll drei Dinge leisten, die ein 782-seitiges Buch naturgemäß nicht in derselben Form leisten kann: kurz sein, aktuell sein und überraschend sein.


Drei Beitragsarten

Drei Sorten von Beiträgen werden sich hier abwechseln, ohne feste Reihenfolge:

Beiträge, die bei einer ganz persönlichen Beobachtung ansetzen – beim Einkaufszettel, beim Fitness-Tracker, bei der Steuererklärung, die schon wieder liegen geblieben ist. Beiträge, die eine aktuelle politische oder wirtschaftliche Debatte aufgreifen – eine Rentenreform, eine Organspende-Regelung, ein neues EU-Gesetz gegen manipulative Webseiten. Und Beiträge, die grundsätzlicher werden – die fragen, ob ein psychologisches Experiment wirklich hält, was die Schlagzeile verspricht, oder ob der Mensch, den ein Gesetzestext vor Augen hat, überhaupt der Mensch ist, der tatsächlich vor dem Formular sitzt.

Drei Beitragsarten
KI-Bild nach meiner Skizze

Eine Überzeugung, die ich nicht verstecke

Was diese drei Kategorien verbindet, ist eine Überzeugung, die ich nicht verstecken möchte, weil Verstecken selbst schon eine Form von Nudging wäre: Ich halte die Freiheit, auch mal die falsche Entscheidung zu treffen, für einen Wert, der sich nicht gegen bessere Ergebnisse aufrechnen lässt. Das bedeutet nicht, dass ich jede Erkenntnis der Verhaltensökonomie für falsch oder überflüssig halte – im Gegenteil, manche ihrer Beobachtungen sind messerscharf und nützlich. Es bedeutet nur, dass eine Erkenntnis über Verhalten noch keine Lizenz zur Steuerung dieses Verhaltens ist. Zwischen beidem liegt eine Frage, die Wissenschaft allein nicht beantworten kann, so gründlich sie auch gestellt wird: die Frage nach Legitimation.


Eine Frage, die offenbleibt

Diese Rubrik wird diese Frage nicht ein für alle Mal beantworten. Aber sie wird sie immer wieder stellen – mal mit einem Schmunzeln über die eigene Kaffeetasse, mal mit einem kritischen Blick auf ein Gesetzblatt, mal mit einem Rückgriff auf Kant. Ich lade Sie ein, sie mit mir zu stellen.

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