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Englisch klingt irgendwie wichtiger

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
3. Okt.
6 Min. Lesezeit

Warum wir „Feedback“ geben, aber keine Rückmeldung


„Lass uns dazu morgen einen kurzen Call machen. Ich brauche vorher aber noch dein Feedback zum Mindset des Teams. Beim nächsten Meeting sollten wir außerdem über Leadership und die aktuellen Challenges sprechen.“

Ein Satz, wie er heute in vielen deutschen Büros kaum noch auffällt. Bemerkenswert ist weniger, dass darin englische Wörter vorkommen. Bemerkenswert ist, dass fast jedes von ihnen durch ein deutsches ersetzt werden könnte: Ein Gespräch statt eines „Calls“. Eine Rückmeldung statt „Feedback“. Eine Besprechung statt eines „Meetings“. Schwierigkeiten oder Herausforderungen statt „Challenges“. Haltung statt „Mindset“. Führung statt „Leadership“.

Und doch würden viele vermutlich sagen: Das klingt aber nicht gleich. Genau darin liegt das Interessante. Denn Anglizismen sind nicht bloß Wörter. Sie transportieren auch Vorstellungen von Modernität, Internationalität und beruflicher Zugehörigkeit. Gewiss: manche bezeichnen tatsächlich etwas Neues. Andere versehen Altbekanntes aber lediglich mit einem moderneren Etikett.

Mich interessiert deshalb weniger die übliche Frage, ob Anglizismen unsere Sprache „bereichern“ oder „verhunzen“. Sie ist mir zu grob. Die interessantere Frage lautet: Was leistet das englische Wort, was das deutsche nicht leistet? Und manchmal lautet die Antwort: eigentlich nichts – außer wichtiger zu klingen.

In einem modernen Besprechungsraum diskutieren drei Personen über Sprache im Arbeitsalltag. Über der Szene steht die Überschrift „Englisch klingt irgendwie wichtiger“, daneben zeigt ein Glasboard englische Begriffe wie „Meeting“, „Call“, „Feedback“, „Challenge“, „Leadership“ und „Mindset“ mit deutschen Entsprechungen. Das Bild veranschaulicht, wie Anglizismen in Büros oft Modernität und Wichtigkeit ausstrahlen, obwohl es dafür deutsche Wörter gibt.
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Wenn mit der Sache auch das Wort kommt

Sprachen haben schon immer Wörter voneinander übernommen. Das Deutsche wäre ohne lateinische, griechische, französische oder italienische Einflüsse kaum vorstellbar. Andererseits gibt es sogar deutsche Wörter, die Einzug in den Sprachraum anderer Länder gefunden haben. Dass heute besonders viele Begriffe aus dem Englischen kommen, ist angesichts der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Dominanz des englischsprachigen Raums wenig überraschend.

Die Sprachwissenschaft kennt dafür eine hilfreiche Unterscheidung: das Bedürfnislehnwort und das Luxuslehnwort. Ein Bedürfnislehnwort kommt gewissermaßen gemeinsam mit der Sache ins Land. Neue Technologien, Verfahren oder gesellschaftliche Phänomene benötigen Namen. „Laptop“, „Internet“ oder „Smartphone“ sind offensichtliche Beispiele. Niemand muss um jeden Preis ein deutsches Ersatzwort erfinden.

Anders liegt der Fall beim Luxuslehnwort. Hier existiert bereits ein gebräuchlicher Begriff. Das Fremdwort bezeichnet nicht unbedingt etwas Neues, sondern wertet das Bekannte sprachlich auf. Und plötzlich wird aus der Besprechung ein „Meeting“, aus dem Anruf wird ein „Call“ und aus dem Kundenbetreuer ein „Key Account Manager“.

Die Tätigkeit muss sich dadurch gar nicht verändert haben, wohl aber ihr gesellschaftlicher Klang.


Sprache ist auch Status

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat Sprache als eine Form sozialen Kapitals betrachtet. Wer die richtige Sprache im richtigen Umfeld beherrscht, signalisiert Zugehörigkeit. Das erleben wir im Berufsleben täglich.

Jede Branche entwickelt ihr eigenes Vokabular. Fachbegriffe können sicherlich notwendig sein, weil sie komplizierte Zusammenhänge präzise abkürzen. Sie erfüllen aber noch eine zweite Funktion: Wer sie beherrscht, zeigt, dass er dazugehört. Anglizismen eignen sich dafür besonders gut. Wer selbstverständlich von „Leadership“, „Skills“, „Performance“, „Workflows“ und „Challenges“ spricht, signalisiert: Ich kenne die Codes dieser Welt.

Das muss nicht einmal bewusst geschehen. Sprache ist ein erstaunlich feines Instrument sozialer Selbstpositionierung. Wir passen unsere Wortwahl unserem Umfeld an, unseren Kollegen, Vorgesetzten und Gesprächspartnern. In internationalen Unternehmen ist der Wechsel zwischen Deutsch und Englisch ohnehin häufig notwendig.

Problematisch wird es erst dort, wo Verständlichkeit hinter Status zurücktritt. Dann dient Sprache nicht mehr dazu, einen Gedanken möglichst präzise zu übermitteln, sie dient dann dazu, den Sprecher möglichst günstig erscheinen zu lassen. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.


„Meeting“ – oder einfach Besprechung?

Am deutlichsten wird das bei Begriffen, die kaum einen erkennbaren Bedeutungsgewinn bringen. Eine Besprechung ist eine Besprechung. Warum also das „Meeting“? Weil das Wort andere Bilder aufruft. „Besprechung“ klingt ein wenig nach Verwaltung, Sitzungszimmer und Tagesordnung. „Meeting“ klingt nach Projekten, internationalen Teams und moderner Arbeitsorganisation. Der Vorgang kann exakt derselbe sein. Das englische Wort verändert nicht die Wirklichkeit, wohl aber ihre Verpackung.

Ähnlich verhält es sich mit dem „Call“. Ein Telefonat scheint beinahe etwas Altmodisches zu sein. Ein „Call“ hingegen gehört in die digitale Arbeitswelt. Dabei verbringen zwei Menschen auch dort ihre Zeit damit, miteinander zu sprechen. Manchmal ist der Anglizismus also weniger Werkzeug als nur Kostüm.


Bei „Mindset“ wird es schwieriger

Doch gerade deshalb sollten wir nicht jeden englischen Begriff unter denselben Verdacht stellen. „Mindset“ ist ein interessantes Gegenbeispiel. Man könnte es mit Einstellung, Denkweise oder Haltung übersetzen. Keine dieser Übersetzungen trifft jedoch immer genau dasselbe. Insbesondere durch Carol Dwecks Unterscheidung zwischen „Fixed Mindset“ und „Growth Mindset“ hat der Begriff eine spezifische psychologische Bedeutung erhalten. Hier transportiert das Fremdwort aber ein bestimmtes Konzept. Das ist ein legitimer Grund für sprachliche Übernahme.

Das Problem beginnt erst danach. Denn erfolgreiche Fachbegriffe besitzen die unangenehme Neigung, den Bereich zu verlassen, in dem sie etwas Genaues bedeuten. Plötzlich braucht jeder nur noch das „richtige Mindset“. Unternehmer brauchen es, Schüler brauchen es, Arbeitnehmer brauchen es, Mannschaften brauchen es. Beziehungen vermutlich ebenfalls. Je häufiger das Wort verwendet wird, desto unklarer wird mitunter, was überhaupt noch gemeint ist. Aus dem Fachbegriff wird eine Formel. Und aus der Formel schließlich die Worthülse.


Noch interessanter: „Leadership“

Ähnlich ambivalent ist „Leadership“. Man kann durchaus argumentieren, dass „Leadership“ nicht vollständig mit „Führung“ oder „Leitung“ identisch ist. In der Managementliteratur wird häufig zwischen administrativer Führung und einer stärker visionären, motivierenden Form unterschieden. Der englische Begriff kann also einen Bedeutungsunterschied markieren. Doch im Deutschen kommt noch etwas hinzu. „Führung“ besitzt eine historische Belastung, die das englische Wort nicht trägt. Wir sprechen selbstverständlich von Führungskräften, aber einen Teamleiter als „Führer“ zu bezeichnen, wäre aus bekannten Gründen nahezu unmöglich.

„Leadership“ löst damit ein sprachliches Problem, das mit der deutschen Geschichte zusammenhängt. Das ist bemerkenswert. Ein Begriff kann modern wirken und zugleich eine historische Verlegenheit umgehen. Gerade dieses Beispiel zeigt, warum pauschale Sprachkritik wenig weiterhilft. Man muss schon genauer hinschauen.


„Challenge“ – wenn das Problem verschwinden soll

Besonders aufschlussreich finde ich ein anderes Wort: „Challenge“. Natürlich heißt es Herausforderung. Aber häufig erfüllt es noch eine weitere Funktion. Ein Problem ist negativ ebenso wie eine Schwierigkeit. Eine „Challenge“ hingegen klingt beinahe sportlich. Da wartet etwas darauf, gemeistert zu werden.

Sprache verändert hier nicht den Sachverhalt, wohl aber seine emotionale Bewertung. Der Absatz ist eingebrochen? Eine „Challenge“. Das Projekt liegt sechs Wochen hinter dem Zeitplan? Eine „Challenge“. Drei Mitarbeiter haben gekündigt? Vermutlich ebenfalls eine „Challenge“. Das kann motivierend wirken. Es kann aber auch nur die Wirklichkeit glätten.

Sprache ermöglicht uns nicht nur, Dinge zu benennen. Sie erlaubt uns auch, ihnen auszuweichen. Je freundlicher das Wort, desto weniger unangenehm erscheint manchmal die Sache. Wir kennen das auch im Deutschen: „Freisetzung“ statt „Kündigung“, „Rückbau“ statt „Abriss“.

Infografik mit dem Titel „Werkzeug oder Kostüm?“. Links werden sinnvolle Anglizismen gezeigt, etwa für neue Phänomene, präzisere Fachbegriffe oder internationale Arbeitssprache. Rechts werden Beispiele für bloßes sprachliches Aufwerten gegenübergestellt, etwa „Meeting“ statt Besprechung, „Call“ statt Gespräch und „Challenge“ statt Problem. Unten stehen drei Prüffragen: Ist das Wort präziser, ist es für alle verständlich und hilft es beim Denken oder nur beim Eindruck?
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Wer die Sprache nicht spricht, gehört nicht ganz dazu

Damit berühren wir die soziale Kehrseite dieser Entwicklung. Unternehmen reden gern von Inklusion, Teilhabe und verständlicher Kommunikation. Gleichzeitig erzeugen sie mitunter ein Vokabular, das einen Teil ihrer Mitarbeiter jedoch ausschließt. Wer die Sprache der Organisation nicht beherrscht, versteht nicht nur einzelne Wörter nicht. Er erkennt möglicherweise auch die unausgesprochenen Regeln der Zugehörigkeit nicht. Das gilt besonders dort, wo englische Begriffe keinen fachlichen Zweck mehr erfüllen. Dann wird Sprache zum Erkennungszeichen. Der Insider versteht, der Außenstehende muss nachfragen. Und bereits diese Nachfrage kann signalisieren, dass jemand nicht ganz zur Gruppe gehört. Interessanterweise kann also gerade eine Sprache, die Internationalität verkörpern soll, sogar innerhalb eines Unternehmens neue Grenzen errichten.


Die Klage darüber ist älter als unser Großraumbüro

Allerdings sollten wir auch hier vorsichtig sein. Die Sorge vor fremdsprachlichen Einflüssen ist keineswegs neu. Bereits 1899 hielt Hermann Dunger seinen Vortrag „Wider die Engländerei in der deutschen Sprache“. Fremdwörter wurden damals teilweise als Zeichen mangelnden nationalen Selbstbewusstseins betrachtet. Solche Traditionen mahnen also zur Zurückhaltung.

Nicht jede Veränderung ist Sprachverfall, nicht jedes Fremdwort bedroht gleich das Deutsche. Sprachen leben gerade davon, dass sie aufnehmen, verändern, auswählen und wieder verwerfen. Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht lauten: Ist das Wort deutsch oder englisch? Sie muss lauten: Ist es präzise? Hilft es beim Denken? Oder soll es nur beeindrucken?


Anglizismen im Berufsalltag: Werkzeug oder Kostüm?

Ich habe nichts gegen „Feedback“, wenn tatsächlich mehr gemeint ist als eine beiläufige Rückmeldung. Ich habe nichts gegen „Mindset“, wenn damit ein bestimmtes psychologisches Konzept bezeichnet wird. Und wenn ein internationales Unternehmen eine gemeinsame englische Fachsprache benötigt, wäre es geradezu absurd, aus sprachpuristischen Gründen deutsche Sonderbegriffe zu erfinden.

Aber ich werde skeptisch, wenn aus jeder Besprechung ein „Meeting“, aus jedem Gespräch ein „Call“ und aus jedem Problem eine „Challenge“ werden muss. Denn Sprache ist nicht neutral. Sie zeigt vor allem, wie wir uns selbst sehen möchten. Manchmal wählen wir das englische Wort, weil es genauer ist. Manchmal wählen wir es, weil es kürzer ist. Manchmal, weil alle anderen es ebenfalls verwenden. Und manchmal -seien wir ehrlich- schlicht deshalb, weil dieselbe Sache auf Englisch bedeutender klingt.

Anglizismen im Berufsalltag: das ist kein Untergang der deutschen Sprache. Aber es ist eine interessante gesellschaftliche Beobachtung. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber streiten, wie viele Anglizismen das Deutsche verträgt. Die spannendere Frage lautet, warum wir manche von ihnen offenbar brauchen, damit uns das längst Bekannte wieder modern erscheint.

Ein gutes Fremdwort erweitert unseren Wortschatz. Ein schlechtes erweitert vor allem den Eindruck, den wir von uns selbst erzeugen wollen. Wir sollten uns vor Wichtigtuerei hüten. Sie fällt schnell auf.

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