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„Hallo Franz!“: Wie das Duzen die Gesellschaft erobert

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
25. Sept.
5 Min. Lesezeit

Ich frage mich: Ist die neue Nähe wirklich ein Fortschritt? Oder verlieren wir gerade etwas, das wir vielleicht noch brauchen: eine gesunde Distanz? Und verändert sich dabei nur unsere Sprache? Ich glaube, es geht um mehr. Es verändert sich auch, wie wir miteinander umgehen und wie wir übereinander denken.


„Hallo Franz!“ So werde ich heute angesprochen. Vom Mitarbeiter im Callcenter, von IKEA, von Start ups und manchmal sogar von Behörden.


Früher war das anders. Das Sie gehörte einfach dazu. Es zeigte Respekt und machte deutlich, welche Rolle jemand gerade hatte. Der Verkäufer war der Verkäufer, der Kunde war der Kunde und der Beamte war nun einmal der Beamte.


Heute begegnet mir immer häufiger das Du. Was einmal durchaus als sympathische Lockerung begann, ist inzwischen fast zu einer gesellschaftlichen Norm geworden. In jungen Unternehmen sowieso. Aber auch im Einzelhandel, bei Dienstleistern und zunehmend sogar in Verwaltungen.


Die Duz Kultur auf dem Vormarsch

Besonders früh begann dieser Wandel in Unternehmen. In Tech Firmen, Agenturen und Start ups gehört das Du heute längst zum Alltag. Es soll zeigen: Bei uns gibt es keine steifen Hierarchien. Wir arbeiten auf Augenhöhe.


Die Zahlen zeigen, wie weit dieser Wandel inzwischen gegangen ist. Eine Untersuchung von StepStone und Kienbaum ergab schon vor einigen Jahren, dass nur noch drei Prozent der Unternehmen ihre Beschäftigten konsequent siezten. In Kommunikations und Digitalunternehmen duzten sich damals bereits rund 70 Prozent der Mitarbeiter über Hierarchiegrenzen hinweg.

Neuere Untersuchungen bestätigen diesen Trend. Laut dem Leadership Monitor von HR WORKS aus dem Jahr 2025 duzen mehr als 70 Prozent der Beschäftigten ihre Führungskraft. Meist sprechen sie sie auch mit dem Vornamen an.


Wir alle wissen, dass IKEA bei dieser Entwicklung eine besondere Rolle gespielt hat. Das Unternehmen setzte früh auf das Du. Nicht nur intern, sondern auch gegenüber seinen Kunden. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ war deshalb mehr als ein Werbeslogan. IKEA gewöhnte Millionen Menschen daran, dass ein Unternehmen sie einfach duzt. Andere Händler und Dienstleister folgten.


Heute begegnet mir das Du überall: Auf Plakaten, in Apps, in E Mails, im Geschäft. Eigentlich fragt niemand mehr, ob ich überhaupt geduzt werden möchte.

Genau an diesem Punkt beginnt für mich aber das Problem.

Selbst Behörden bleiben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Dort hielt sich das Sie lange deutlich stärker. In älteren Untersuchungen duzten nur rund 15 Prozent der Beschäftigten über alle Ebenen hinweg. Doch selbst hier verändert sich etwas.

Verwaltungen wollen moderner wirken. Sie wollen Bürgernähe zeigen. Das kann sinnvoll sein. Aber ich frage mich, ob Bürgernähe wirklich bedeutet, jeden Bürger ungefragt zu duzen.


Das Problem ist nicht das Du

Ich habe nichts gegen das Du. Im Gegenteil. Wenn zwei Menschen sich freiwillig duzen, kann das sehr angenehm sein. Es schafft Nähe, Gespräche werden oft unkomplizierter und manchmal entsteht auch schneller Vertrauen. Entscheidend ist für mich ein anderes Wort: freiwillig. Denn Nähe funktioniert nur, wenn beide Seiten sie wollen.


Problematisch wird es also für mich, wenn das Du erwartet oder sogar vorgeschrieben wird. Dann entsteht keine echte Vertrautheit. Es entsteht Scheinvertrautheit. Ein Unternehmen duzt mich, obwohl niemand dort mich kennt. Eine App nennt mich beim Vornamen. Ein Verkäufer spricht mit mir, als würden wir uns schon seit Jahren kennen.


Vielleicht findes ich das sympathisch. Vielleicht stört es mich. Genau diese Entscheidung sollte aber bei mir liegen.


Umfragen zeigen, dass viele Beschäftigte weder ein vorgeschriebenes Du noch ein vorgeschriebenes Sie wollen. Sie möchten selbst entscheiden, wen sie näher an sich heranlassen. Das halte ich für vernünftig.


Wenn alte Distanz verschwindet, entstehen neue Regeln

Interessant finde ich noch etwas anderes. Wenn das klassische Sie verschwindet, verschwindet damit nicht automatisch jede soziale Grenze. Stattdessen entstehen neue Zeichen von Nähe. Plötzlich heißt es „Bro“, „Digga“, „Herz“, „Schatz“ oder ständig „Liebe“ und „Lieber“. Diese Wörter sollen wahrscheinlich Wärme und Zugehörigkeit zeigen. Manchmal tun sie das auch, aber sie können ebenso fordernd wirken.


Denn jetzt reicht es nicht mehr, höflich zu sein. Ich soll auch zeigen, dass ich dazugehöre, soll locker sein und den richtigen Ton treffen. Letztendlich: Die Sprache der Gruppe beherrschen.

Auch Rollen verändern sich dadurch. Der Chef wird zum Kumpel. Der Verkäufer zum Freund. Der Beamte zum persönlichen Ansprechpartner. Das klingt zunächst angenehm. Aber ist der Chef wirklich weniger Chef, nur weil ich ihn duze? Hat er deshalb weniger Macht über meine Beförderung, mein Gehalt oder vielleicht sogar meinen Arbeitsplatz? Natürlich nicht.

Und genau deshalb halte ich es für wichtig, zwischen sprachlicher Nähe und tatsächlicher Gleichheit zu unterscheiden.

Schlichte Strichzeichnung auf cremefarbenem Grund mit goldenem Rahmen: Zwei schwarze Strichfiguren stehen auf einer Bodenlinie, die linke jedoch auf einem verdeckten goldenen Podest, sodass sie höher steht als die rechte. Zwischen beiden schwebt eine goldene Sprechblase mit dem Wort „Du" auf gleicher Höhe. Darunter die kursive Bildunterschrift: Grammatische Gleichheit schafft keine soziale Gleichheit.
KI generiert nach meiner Skizze

Weniger Formalität bedeutet nicht automatisch weniger Kontrolle

An dieser Stelle wird die Organisationssoziologie interessant. Sie zeigt etwas, das leicht übersehen wird. Wenn formelle Regeln verschwinden, verschwindet Kontrolle nicht automatisch, sie verändert nur ihre Form. Wo früher klare Regeln galten, entstehen häufig informelle Erwartungen.


Die Forschung von Rena Schwarting und Arbeiten, die an Niklas Luhmann anknüpfen, zeigen diesen Zusammenhang zwischen formellen und informellen Strukturen.

Je lockerer eine Organisation nach außen wirkt, desto wichtiger können ihre unausgesprochenen Regeln werden. Dann muss ich nicht nur meine Arbeit erledigen. Ich muss auch wissen, wie man dort spricht. Wie locker man sein darf. Welche Witze funktionieren. Wie viel Nähe erwartet wird.

Und plötzlich kann schon die Entscheidung, jemanden lieber zu siezen, als merkwürdig gelten. Ich bin dann vielleicht nicht einfach höflich, ich bin dann „distanziert“ oder „steif“. Im schlimmsten Fall sogar „nicht teamfähig“.


Ich finde diesen Punkt wichtiger, als er auf den ersten Blick wirkt. Denn eine sichtbare Regel kann man diskutieren. Eine unsichtbare Erwartung erkennt man oft erst, wenn man gegen sie verstößt.

Schlichte Strichzeichnung auf cremefarbenem Grund mit goldenem Rahmen: Eine schwarze Strichfigur steht mit erhobenen Armen wie eine Marionette, von drei gestrichelten goldenen Fäden aus dem Bildrand nach oben gehalten. Neben der Figur eine kleine goldene Sprechblase mit dem Wort „locker." Darunter die kursive Bildunterschrift: Weniger Formalität bedeutet nicht automatisch weniger Kontrolle.
KI generiert nach meiner Skizze

Distanz kann etwas Gutes sein

Auch Knigge wird in diesem Zusammenhang häufig falsch verstanden. Viele denken bei Knigge an Tischmanieren oder daran, welches Besteck man für welchen Gang benutzt. Darum ging es ihm im Kern nicht. Knigge beschäftigte sich mit dem angemessenen Umgang zwischen Menschen. Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass Höflichkeit keine Unterwürfigkeit bedeutet und Vertrautheit nicht automatisch Respekt schafft.


Ich halte diesen Gedanken noch heute für richtig. Distanz muss nichts Kaltes sein. Sie kann schützen. Sie ermöglicht es zwei Menschen, freundlich miteinander umzugehen, ohne eine persönliche Nähe vorzutäuschen, die gar nicht besteht.


Das Sie sagt nicht: Ich mag dich nicht. Es kann auch sagen: Ich respektiere deinen persönlichen Raum. Wenn wir diese Distanz vollständig abschaffen, entsteht deshalb nicht automatisch mehr Gleichheit. Manchmal entstehen einfach neue Hierarchien. Nur sind sie schwerer zu erkennen.


Ist die Duz Kultur also Fortschritt oder Verlust?

Ich sehe beides. Das Du kann ein Fortschritt sein, denn es kann unnötige Hierarchien lockern oder Gespräche erleichtern. Es kann auch Menschen helfen, unkomplizierter zusammenzuarbeiten. Dagegen habe ich nichts.


Problematisch wird es für mich dort, wo aus einer Möglichkeit eine Erwartung wird. Nähe darf kein Pflichtprogramm sein. Besonders skeptisch werde ich, wenn Unternehmen das Du als Zeichen ihrer angeblichen Modernität einsetzen, während sich an den tatsächlichen Machtverhältnissen überhaupt nichts ändert. Der Mitarbeiter sagt zum Vorstandsvorsitzenden „Peter“. Peter entscheidet trotzdem über seine Karriere. Das Unternehmen duzt seine Kunden. Bei einer Reklamation landet der Kunde trotzdem in einer anonymen Warteschleife. Die Behörde spricht mich mit meinem Vornamen an. Ihre Entscheidung bleibt trotzdem ein Verwaltungsakt.


Das Du allein macht eine Organisation nicht menschlicher. Das Duzen die Gesellschaft nicht menschlicher.


Sprache verändert aber unser Denken

Bleibt die Frage: Verändert sich nur unsere Sprache oder auch unser Denken? Ich glaube, dass beides zusammenhängt. Sprache beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen.

Wenn wir uns ständig duzen, wirken Rollen weniger formell. Beziehungen erscheinen persönlicher. Konflikte werden dadurch manchmal ebenfalls persönlicher. Das kann befreiend sein, es kann aber auch Probleme schaffen.


Eine professionelle Distanz wird dann schnell als persönliche Ablehnung verstanden. Wer nicht geduzt werden möchte, gilt plötzlich als altmodisch oder kühl. Und aus freiwilliger Nähe wird eine soziale Erwartung. Genau das sehe ich kritisch.


Am Ende geht es um Wahlfreiheit

Für mich läuft die ganze Diskussion deshalb auf einen einfachen Punkt hinaus. Es geht nicht um Du oder Sie. Es geht um die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden. Eine Gesellschaft wird nicht automatisch menschlicher, nur weil sich alle duzen. Nähe lässt sich nicht verordnen, Respekt auch nicht. Beides entsteht zwischen Menschen.


Vielleicht ist deshalb das beste Du immer noch das, das jemand anbietet und das der andere freiwillig annimmt.

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