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Maja Göpel in der Teufelsküche

Autorenbild: Franz Wegener
Franz Wegener
vor 17 Stunden
6 Min. Lesezeit

Warum ich die Einteilung in „gute“ und „böse“ Arbeit ökonomisch für einen Irrweg halte


Stellen wir uns einen Wochenmarkt vor. Ein Bauer hat Kartoffeln angebaut. Niemand wird bestreiten, dass er etwas produziert hat. Neben ihm steht aber ein Händler. Der hat die Kartoffeln nicht angebaut. Er hat sie gekauft, transportiert, sortiert, angeboten und verkauft. Wer von beiden hat nun „Wert geschaffen“? Der Bauer? Sicher. Aber der Händler? Oder hat er lediglich abgeschöpft, was ein anderer geschaffen hat?

Und was ist mit dem Lastwagenfahrer, der die Kartoffeln in die Stadt gebracht hat? Mit dem Betreiber des Großmarktes? Mit der Bank, die dem Landwirt den neuen Traktor finanziert hat? Mit dem Programmierer, dessen Software die Warenströme organisiert?

Spätestens hier beginnt für mich jene „Teufelsküche der Willkürlichkeit“, von der der Ökonom und Politiker Karl-Heinz Paqué bereits 2022 gesprochen hat. Ausgelöst wurde die Debatte durch Maja Göpel, einer deutschen Politökonomin, Transformationsforscherin, Nachhaltigkeitsexpertin und Gesellschaftswissenschaftlerin.


Ein Satz, der mich stutzig macht

In einem Interview für das Debattenmagazin „Liberal“ sagte Göpel 2022 unter anderem: „Mehrwert entsteht nur in der Produktion.“ Sie unterschied dabei zwischen Produktion auf der einen sowie Finanzierung und Handel auf der anderen Seite. Nach Kritik präzisierte sie ihre Aussage später und erklärte, Dienstleistungen könnten selbstverständlich auch produktiv sein. Nun unterschied sie zwischen „wertschöpfenden“ und „wertabschöpfenden“ Tätigkeiten. Diese Entwicklung ist in meinen Unterlagen ausführlich dokumentiert.

Auch Karl-Heinz Paqué griff genau diese Verschiebung auf. Sein Einwand: Sobald man „wertschöpfend“ und „wertabschöpfend“ als allgemeine Kategorien verwendet, stellt sich unmittelbar die Frage, wer nach welchen Kriterien entscheidet, auf welcher Seite eine Tätigkeit steht. Ich halte diesen Einwand für entscheidend. Denn nun verlassen wir die Beschreibung wirtschaftlicher Vorgänge und betreten den Bereich der Bewertung. Und dort wird es schnell unübersichtlich.

Quadratische Infografik zur Kritik an der Einteilung wirtschaftlicher Tätigkeiten in ‚wertschöpfend‘ und ‚wertabschöpfend‘. An Beispielen wie Produktion, Handel, Makler, Logistik, Bank und Software wird gezeigt, wie schwer sich eine objektive Grenze ziehen lässt. Kernaussage: Wer Arbeit pauschal in ‚gut‘ und ‚böse‘ einteilt, gerät schnell in willkürliche Werturteile.
KI generiert nach meiner Vorlage

Der Fehler beginnt bei der Frage: Wo entsteht eigentlich Wert?

Als Ökonom habe ich gelernt, bei solchen Fragen zunächst möglichst nüchtern zu bleiben. Wert ist nicht dasselbe wie Stoff. Ein Tisch besitzt nicht deshalb einen bestimmten Wert, weil ein Schreiner zehn Stunden daran gearbeitet hat. Eine Dienstleistung ist nicht deshalb wertlos, weil hinterher kein Gegenstand auf dem Tisch liegt. Und ein Händler schafft nicht deshalb keinen Nutzen, weil er die Ware nicht selbst hergestellt hat.

Die moderne Volkswirtschaftslehre geht seit der Entwicklung der Grenznutzenlehre im 19. Jahrhundert davon aus, dass wirtschaftlicher Wert wesentlich von den Bewertungen der Menschen abhängt. Sehr vereinfacht: Ein Gut besitzt für mich einen Wert, weil es ein Bedürfnis erfüllt. Wenn ich bereit bin, fünf Euro für einen Gegenstand zu bezahlen, obwohl ich die fünf Euro lieber behalten könnte, zeigt mein Kauf, dass mir der Gegenstand in diesem Moment mehr wert ist als das Geld zu behalten.

Dem Verkäufer geht es umgekehrt. Gerade deshalb kommt der freiwillige Tausch zustande. Wert muss also nicht erst durch eine Maschine oder körperliche Arbeit entstehen. Auch das richtige Gut am richtigen Ort zur richtigen Zeit kann zusätzlichen Nutzen schaffen. Handel, Finanzierung, Vermittlung und Logistik können durch Information, Arbeitsteilung, Risikoteilung und geringere Suchkosten wirtschaftlichen Wert erzeugen.


Der Gemüsehändler-Test

Ich finde den Gemüsehändler deshalb als kleinen Gedankenversuch hilfreich. Nehmen wir an, ein Landwirt baut hundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt Gemüse an. Theoretisch könnte ich zu ihm fahren. Praktisch möchte ich das nicht. Dann kauft ein Händler die Ware, organisiert den Transport und bietet sie auf meinem Wochenmarkt an. Er hat zwar keine Tomate gepflanzt, aber er hat ein Problem gelöst: Er bringt Angebot und Nachfrage zusammen. Dasselbe gilt für einen Logistiker. Dasselbe kann für einen Makler gelten. Dasselbe gilt grundsätzlich auch für eine Bank.

Die Bank produziert auch keine Maschine. Aber wenn sie Ersparnisse einsammelt und einem Unternehmen für eine Investition zur Verfügung stellt, ermöglicht sie unter Umständen erst, dass die Maschine gebaut werden kann. Natürlich kann eine Bank schlechte Geschäfte machen,  ein Makler kann zu viel verlangen und natürlich gibt es spekulative Geschäfte, die gesellschaftlich zweifelhaft erscheinen können. Aber daraus folgt nicht, dass Finanzierung, Handel oder Vermittlung als solche keinen Wert schaffen.

Genau deshalb werden die Grenzen so schwierig. Makler, Händler, Logistiker, Banken und Plattformbetreiber sind Beispiele dafür, wie schnell eine pauschale Trennung ins Beliebige kippt.


Ein alter Gedanke in neuer Verpackung

Interessant ist, dass die Vorstellung einer „wirklich produktiven“ Wirtschaft historisch keineswegs neu ist. Die Physiokraten des 18. Jahrhunderts hielten im Kern die Landwirtschaft für den Bereich, in dem echter Überschuss entstehe. Später spielte in marxistischen Theorien die Arbeit eine zentrale Rolle für den Wert einer Ware.

Die moderne Ökonomie hat sich davon weitgehend entfernt. Karl-Heinz Paqué ordnete Göpels ursprüngliche Aussage ausdrücklich in diese älteren Denktraditionen ein. Ich würde dabei allerdings etwas vorsichtiger formulieren. Maja Göpel ist natürlich keine Physiokratin des 18. Jahrhunderts und sie behauptet auch nicht, Dienstleistungen seien grundsätzlich wertlos. Ihre spätere Klarstellung zeigt gerade das. Aber die Denkfigur bleibt interessant: Es soll offenbar Tätigkeiten geben, die „wirklichen“ Wert schaffen – und andere, die diesen Wert im Wesentlichen nur abschöpfen. Genau an dieser Stelle frage ich: Wer zieht die Linie?


Die Teufelsküche beginnt mit dem Schiedsrichter

Vielleicht ist das mein größtes Unbehagen. Sobald wir Tätigkeiten allgemein als „wertschöpfend“ oder „wertabschöpfend“ sortieren wollen, benötigen wir einen Schiedsrichter. Jemand muss entscheiden. Ist der Immobilienmakler wertschöpfend? Kommt darauf an. Ist der Börsenhändler wertschöpfend? Kommt darauf an. Ist der Programmierer einer Handelsplattform wertschöpfend? Wieder: kommt darauf an. Das ist kein Zufall. Wirtschaftliche Prozesse bestehen aus Ketten: Produktion, Finanzierung, Transport, Information, Verkauf und Versicherung greifen ineinander.

Der Versuch, einen einzigen Abschnitt dieser Kette zum eigentlichen Ort des „wahren“ Wertes zu erklären, unterschätzt gerade diese Arbeitsteilung. Paqué formulierte deshalb die Kritik der „Teufelsküche der Willkürlichkeit“. Dieser Gedanke ist der Kern der Auseinandersetzung.

Quadratische Infografik zur Entstehung wirtschaftlichen Werts entlang einer Kette aus Produktion, Transport und Logistik, Handel und Vermittlung, Finanzierung und Kunde. Sie zeigt, dass Wert nicht nur bei der Herstellung entsteht, sondern auch durch Information, Spezialisierung, Koordination und geringere Suchkosten. Als sinnvollere Prüfkriterien nennt die Grafik Externalitäten, Wettbewerb, Rent-Seeking und Marktversagen.

Allerdings hat Göpel ein echtes Problem im Blick

An diesem Punkt möchte ich fair bleiben. Denn hinter Göpels Argument steckt ein Problem, das Ökonomen keineswegs bestreiten. Nicht jeder Gewinn zeigt automatisch an, dass gesellschaftlich alles in Ordnung ist. Ein Unternehmen kann Gewinne erzielen und gleichzeitig Kosten auf andere abwälzen. Wenn eine Fabrik einen Fluss verschmutzt und die Allgemeinheit für die Reinigung bezahlt, tauchen diese Kosten möglicherweise nicht vollständig im Preis des Produktes auf. Ökonomen nennen solche Wirkungen Externalitäten – also Kosten oder Nutzen, die bei Dritten entstehen.

Auch sogenanntes Rent-Seeking ist ein reales Problem. Gemeint ist vereinfacht der Versuch, Einkommen nicht durch bessere Leistungen, sondern etwa durch politische Privilegien, Zugangsbeschränkungen oder geschützte Sonderstellungen zu erzielen.

Hier gibt es also durchaus „Abschöpfung“ in einem sinnvollen ökonomischen Sinn. Meine Kritik lautet deshalb nicht: Maja Göpel sieht ein Problem, das gar nicht existiert. Meine Kritik lautet: Sie beschreibt ein reales Problem mit einer zu groben Kategorie.

Für Umweltkosten, öffentliche Güter und Marktversagen besitzt die Volkswirtschaftslehre aber längst genauere Begriffe und Instrumente.


Das ist auch 2026 keine erledigte Debatte

Man könnte einwenden, wir diskutierten hier über einen missglückten Satz aus dem Jahr 2022. Ganz so einfach ist es nicht. In einem Interview vom September 2025 sprach Göpel erneut davon, Geld müsse „real bilanzierte Wertschöpfung“ ermöglichen, statt höhere Finanzwerte abzuschöpfen. Im März 2026 argumentierte sie beim Sustainable Economy Summit, wirtschaftliche Kennzahlen könnten Wertschöpfung anzeigen, während hinter den Zahlen reale ökologische und soziale Substanz verloren gehe.

Das ist zwar differenzierter als die ursprüngliche Aussage von 2022. Es zeigt aber auch: Die Unterscheidung zwischen finanziellen Größen und einer dahinterliegenden „realen“ Wertschöpfung bleibt ein wichtiges Motiv ihres Denkens. Man kann diese Perspektive teilen. Man sollte aber sauber erklären, nach welchen Kriterien diese „realen Werte“ bestimmt werden. Sonst kehrt das ursprüngliche Problem zurück.


Ordnungspolitik statt moralischer Berufskunde

Hier kommt meine ordnungspolitische Sicht ins Spiel. Ich möchte nicht, dass ein Staat darüber entscheidet, welcher Beruf moralisch wertvoll genug ist, um als „echte Wertschöpfung“ zu gelten. Ich möchte Regeln, innerhalb derer Menschen wirtschaften können. Wenn Umweltkosten nicht im Preis enthalten sind, sollte man über geeignete Regeln für diese Kosten sprechen. Wenn Wettbewerb verhindert wird, braucht man Wettbewerbsordnung. Wenn Unternehmen durch Lobbyarbeit Sondervorteile erhalten, sollte man diese Privilegien prüfen. Und wenn Finanzmärkte Risiken auf die Allgemeinheit abwälzen, muss man über Haftung und Regulierung reden.

Das sind konkrete Probleme. Und konkrete Probleme verlangen konkrete Regeln. Was mir wenig hilft, ist eine moralische Großsortierung der Wirtschaft in jene, die angeblich schaffen, und jene, die angeblich abschöpfen.


Vielleicht beginnt gute Wirtschaftspolitik mit einer bescheideneren Frage

Ich verstehe die Attraktivität der Unterscheidung. „Wertschöpfung“ klingt gut. „Wertabschöpfung“ klingt schlecht. Man weiß sofort, auf welcher Seite man stehen möchte. Gerade deshalb sollten wir vorsichtig sein. Ökonomie wird nicht besser, wenn ihre Begriffe moralisch eindeutiger klingen. Sie wird besser, wenn sie genauer unterscheiden. Nicht: Ist diese Tätigkeit gut oder böse? Sondern: Welches Problem löst sie? Welchen Nutzen schafft sie? Welche Kosten entstehen dabei für andere? Herrscht Wettbewerb? Wer trägt das Risiko? Wer haftet? Wer erhält möglicherweise Privilegien?

Das sind weniger eingängige Fragen. Aber sie führen weiter. Und deshalb bleibt für mich am Ende der Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt stehen. Er hat keine Tomate angebaut. Aber ohne ihn müsste ich vielleicht hundert Kilometer fahren, um sie zu kaufen. Hat er Wert geschaffen? Ich meine: selbstverständlich.

Und wenn wir schon bei einem Gemüsehändler Schwierigkeiten bekommen, „Schöpfung“ und „Abschöpfung“ sauber voneinander zu trennen, sollten wir mit dieser Einteilung für ganze Volkswirtschaften vielleicht etwas vorsichtiger umgehen.


Nicht jede Tätigkeit, die nichts Materielles produziert, schöpft deshalb nur ab. Und nicht jede Tätigkeit, die etwas produziert, schafft automatisch gesellschaftlichen Nutzen. Die Wirklichkeit ist komplizierter – und eine gute Ökonomie sollte genau damit umgehen können.

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