Organspende: Kann Schweigen Zustimmung bedeuten?

Jetzt greife ich ein heikles Thema auf: Die Diskussion über die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende bricht in regelmäßigen Abständen erneut aus. Mir ist klar, weshalb das Argument der Befürworter zunächst überzeugend erscheint und von einem humanitären Geist geprägt zu sein scheint: Es mangelt an Spenderorganen, Menschenleben sind in Gefahr, und eine simple Umkehrung der Standardeinstellung – wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, gilt automatisch als Spender – könnte die Spenderquoten erheblich steigern.
Je mehr Zeit ich jedoch mit diesem angeblich pragmatischen Hebel verbringe, desto deutlicher wird mir: Das beinhaltet auch eine der gravierendsten staatsphilosophischen und ethischen Grundsatzentscheidungen unserer Zeit. Ich habe mich genau mit dieser Mechanik und ihren verborgenen Prämissen in meinem Buch „Der gesteuerte Mensch – Eine kritische Würdigung der Verhaltensökonomie … und ein Plädoyer für den Homo oeconomicus" beschäftigt.
Für mich lautet grundsätzlich die entscheidende Frage: Darf der Staat die Trägheit oder das Schweigen des Bürgers als dessen informierten, freien Willen verbuchen?
Der Paradefall des Nudging: Das Wunder der Voreinstellung
Die Organspende wird in der verhaltensökonomischen Literatur als das klassische Musterbeispiel für die Macht einer Entscheidungsumgebung angesehen. Der enorme Unterschied zwischen Opt-in-Länder (Zustimmungslösung) und Opt-out-Länder (Widerspruchslösung) wird spätestens seit der oft zitierten Untersuchung von Johnson und Goldstein („Do Defaults Save Lives?", 2003) und dem Bestseller Nudge von Thaler und Sunstein gern erwähnt.
In Systemen, die eine aktive Registrierung als Spender voraussetzen, sind die Zustimmungsraten häufig unter 20 %. Dagegen liegen sie in Systemen mit Widerspruchslösung bei über 90 %.

Verhaltensökonomen erklären dies mit zwei psychologischen Mustern, die auch ich als nachvollziehbar betrachte:
1. Status-quo-Bias & Trägheit: Menschen meiden den gedanklichen und bürokratischen Aufwand, Formulare auszufüllen oder sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen.
2. Unausgesprochene enthaltene Empfehlung: Die Voreinstellung wird unbewusst als die vom Staat empfohlene, gesellschaftlich erwünschte Norm wahrgenommen.
Ich bestreite diesen Befund natürlich nicht. Problematisch wird es für mich erst an der Stelle, an der aus einer empirischen Beobachtung ein politisches Programm geformt wird – und genau das arbeite ich in meinem Buch „Der gesteuerte Mensch" ausführlich heraus.
Die normative Lücke: Trägheit ist kein Konsens
Zwischen dem Befund „Menschen bleiben bei der Standardoption" und der politischen Forderung „Also setzen wir die Organspende als Standard" sehe ich eine normative Lücke, die kein Experiment der Welt schließen kann.
Wenn jemand keinen Widerspruch einlegt, kann das meiner Meinung nach zahlreiche Ursachen haben:
• Er hat die Bedeutung der Regelung einfach nicht erfasst oder verpasst.
• Er schiebt aus verständlicher menschlicher Angst die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit beiseite.
• Er hat religiöse, weltanschauliche oder emotionale Zweifel, die er nicht in einem bürokratischen Register festhalten möchte.
• Er ist einfach nur träge.
Allerdings halte ich keinen dieser Gründe für gleichbedeutend mit einer durchdachten, freien und uneingeschränkten Körper(ab)gabe. Meiner Meinung nach verwechseln diejenigen, die Schweigen mit Zustimmung gleichsetzen, die Abwesenheit eines Vetos mit einem absichtlichen Willensakt.
So, wie ich es sehe, nutzt der moderne „Verhaltensstaat" eine kognitive Schwäche – unsere Neigung zum Aufschieben und Verdrängen – gezielt aus, um ein politisch gewünschtes Gesamtergebnis zu produzieren. Aus dem Staatsbürger wird ein Steuerungsobjekt, dessen biologische Hülle im Zweifel per Vorgaben verplant wird.
Autonomie und Würde: Das Schutzschild des freien Menschen
In „Der gesteuerte Mensch" plädiere ich für eine Rehabilitierung des Homo oeconomicus – nicht als empirisches Abbild unseres fehlerhaften Alltagsverhaltens, sondern als normatives Schutzschild vor staatlicher Übergriffigkeit.
Ich gehe von einem liberalen Menschenbild aus, das auf einer klaren Prämisse beruht: Der Mensch ist der Autor seines eigenen Lebens und Eigentümer seiner selbst. Seine Würde und seine körperliche Unversehrtheit sind dem Zugriff Dritter und des Staates grundsätzlich entzogen.
Daraus folgt für mich v.a. eine fundamentale Umkehrung der Begründungslast: In einer freien Rechtsordnung muss nicht der Bürger begründen, warum er seinen Körper behalten möchte. Nein, es ist der Staat, der die ausdrückliche, positive Legitimation einholen muss, bevor ein Zugriff auf den Körper erfolgen darf.
Wird die Widerspruchslösung etabliert, kehrt sich dieses Verhältnis aus meiner Sicht ins Gegenteil um: Der Körper des Bürgers wird zum Allgemeingut erklärt, es sei denn, er hat sich zu Lebzeiten frist- und formgerecht freigekauft. Das widerspricht, wie ich in meinem Buch ausführe, Kants Autonomiebegriff und höhlt das Prinzip der Unverfügbarkeit der menschlichen Person von innen heraus aus. Jede Spende verliert für mich ihren eigentlichen sittlichen Wert, wenn sie nicht mehr geschenkt, sondern bei mangelnder Gegenwehr einfach einbehalten wird.

Mündigkeit statt Überrumpelung: Der Weg des „Boosting"
Heißt das, wir müssen uns weiterhin mit niedrigen Spendezahlen und dem Leiden von Patienten auf den Wartelisten abfinden? Ich finde: nein, keineswegs.
Die Verhaltensökonomie bietet neben dem paternalistischen manipulativen Nudging auch ein emanzipatorisches Konzept, das ich für den überzeugenderen Ansatz halte: das Boosting. Anstatt Personen durch Voreinstellungen zu täuschen, stattet man sie mit der Fähigkeit aus, kompetente und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.
• Die Pflicht zur ausdrücklichen Entscheidung (Mandatory Choice): Bürger werden an neuralgischen Punkten (etwa bei der Passausstellung, beim Führerscheinerwerb oder beim Arztbesuch) verbindlich und barrierefrei, aber neutral gefragt: „Möchten Sie spenden:Ja, Nein oder Übertragung an Angehörige?"
• Transparente Aufklärung: Sachliche Information über Hirntoddiagnostik, Ablauf und ethische Fragen, ohne moralischen Konformitätsdruck- schon in der Schule, in den Medien, in öffentlichen Debatten.
• Organisatorische Reformen: die Optimierung von Klinikstrukturen, Transplantationsbeauftragten und Meldesystemen in den Krankenhäusern – denn viele Organe gehen heute nicht aufgrund fehlender Zustimmungen verloren, sondern aufgrund logistischer und struktureller Defizite im Klinikalltag.
Mein Fazit: Vertrauen in den Bürger statt technokratischer Voreinstellung
Eine freie Gesellschaft beweist ihre Stärke für mich nicht darin, wie geräuschlos sie ihre Bürger in eine gewünschte Richtung stupst, sondern darin, wie sehr sie deren Urteilskraft und Mündigkeit bildet, stärkt und respektiert.
Organspende ist für mich ein Akt von herausragender Nächstenliebe und Solidarität. Aber sie muss ein Akt bleiben – getragen von einer bewussten, bejahenden Entscheidung. Schweigen darf im Recht auf körperliche Selbstbestimmung niemals als Zustimmung fingiert werden.
Deshalb halte ich an einem Staat fest, der uns als mündige Subjekte Gründe schuldet, statt uns über administrative Voreinstellungen zu verwalten.
Weiterführende Analysen zur Kritik des Nudgings, der Grenzen verhaltensökonomischer Steuerung und der Verteidigung bürgerlicher Autonomie finden Sie in meinem Buch:
Franz Wegener: Der gesteuerte Mensch. Eine kritische Würdigung der Verhaltensökonomie … und ein Plädoyer für den Homo oeconomicus (BoD Hamburg, 2026).


