Warum ich in der Tradition der Freiburger Schule schreibe
- Franz Wegener

- 9. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Diese Frage stellte mir gestern ein junger Mann. Gerne will ich sie beantworten:
Wenn Leser meine beiden Bücher nebeneinander legen – „Machtinstrument Zoll" über Handelspolitik und Geopolitik, „Der gesteuerte Mensch" über Verhaltensökonomie und den Homo oeconomicus –, könnte der Eindruck entstehen, hier schreibe jemand über zwei völlig unterschiedliche Themen. Tatsächlich verbindet beide Bücher dieselbe Grundüberzeugung. Sie kommt aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Tradition, die in der öffentlichen Debatte selten beim Namen genannt wird, obwohl sie die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland maßgeblich geprägt hat: der Ordoliberalismus, oder genauer: die Freiburger Schule.
In diesem Beitrag möchte ich erklären, woher diese Prägung kommt, was Ordoliberalismus eigentlich bedeutet – und warum ich glaube, dass er heute wieder an Relevanz gewinnt.
Wer ich bin
Ich habe Volkswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum studiert und dort mein Diplom mit Prädikatsexamen abgeschlossen. Seit vielen Jahren arbeite ich als Dozent und Berater in der wirtschaftspolitischen und arbeitsmarktpolitischen Bildung – ich habe Menschen in Arbeitsmarktintegrationsprogrammen begleitet und war zuvor stellvertretender Geschäftsführer einer Industrie- und Handelskammer. Diese Praxis ist mir wichtig zu erwähnen, weil sie meine Sicht auf Wirtschaftspolitik geprägt hat: Ich komme nicht nur aus der akademischen Theorie, sondern aus der täglichen Auseinandersetzung mit Menschen, Betrieben und Institutionen, die mit wirtschaftspolitischen Entscheidungen leben müssen.
Meine wissenschaftliche Prägung verdanke ich vor allem Lehrern wie Hans Besters und Joachim Starbatty, die beide in der Tradition der ordoliberalen Denker standen. Von ihnen habe ich gelernt, wirtschaftspolitische Eingriffe nicht nach ihrer Absicht, sondern nach ihrer tatsächlichen Wirkung zu beurteilen – eine Denkgewohnheit, die sich durch beide meiner Bücher zieht.
Was Ordoliberalismus eigentlich bedeutet
Der Begriff klingt sperriger, als die Idee dahinter ist. Ordoliberalismus entstand in den 1930er- und 1940er-Jahren in Freiburg, vor allem durch den Ökonomen Walter Eucken. Die zentrale Frage war: Wie kann eine Wirtschaftsordnung so gestaltet werden, dass sie sowohl wirtschaftliche Freiheit als auch soziale Stabilität ermöglicht – ohne in die beiden Extreme des 20. Jahrhunderts zu verfallen, die sie gerade erlebt hatten: den ungebremsten Marktkapitalismus auf der einen und die Planwirtschaft auf der anderen Seite?

Ihre Antwort war die sogenannte Ordnungspolitik: Der Staat soll nicht selbst wirtschaftlich tätig werden oder einzelne Marktergebnisse steuern. Er soll aber einen verlässlichen, fairen Rahmen setzen – ein Wettbewerbsrecht, eine stabile Währung, klare Eigentumsrechte, funktionierende Institutionen –, innerhalb dessen sich Wettbewerb frei entfalten kann. Der Staat ist Schiedsrichter, nicht Mitspieler.
Diese Idee wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur intellektuellen Grundlage der bundesdeutschen Sozialen Marktwirtschaft, maßgeblich umgesetzt von Ludwig Erhard.
Wichtig ist: Ordoliberalismus ist kein naiver Marktglaube. Die Freiburger Schule war von Anfang an skeptisch gegenüber wirtschaftlicher Macht – ob sie nun von Monopolen, Kartellen oder überdehnten Staatseingriffen ausgeht. Genau diese Skepsis gegenüber konzentrierter Macht, gleich welcher Herkunft, ist der rote Faden, der sich durch meine Arbeit zieht.
Wie das meine beiden Bücher prägt
In „Machtinstrument Zoll" zeige ich, wie Zölle historisch und aktuell als politisches Machtinstrument eingesetzt werden – und vertrete dabei bewusst keinen der beiden einfachen Standpunkte. Nicht die naive Position, Freihandel sei immer und überall richtig. Aber auch nicht die Gegenposition, Zölle könnten Wohlstand durch Abschottung erzeugen. Die ordoliberale Frage lautet stattdessen: Ist ein Eingriff begrenzt, begründet und überprüfbar? Das ist eine Ordnungsfrage, keine ideologische.
In „Der gesteuerte Mensch" verteidige ich den Homo oeconomicus gegen den Vorwurf der Verhaltensökonomie, er sei ein realitätsfernes Modell. Auch hier steckt eine ordoliberale Sorge dahinter: Wenn der Staat beginnt, Bürger über „Nudges" und psychologisch ausgeklügelte Verhaltenslenkung in bestimmte Richtungen zu steuern, statt ihnen einen fairen Rahmen für eigene, rationale Entscheidungen zu bieten, verschiebt sich die Grenze zwischen Ordnungspolitik und Bevormundung. Diese Grenze genau zu vermessen, ist für mich keine akademische Fingerübung, sondern eine der zentralen Fragen unserer Zeit.

Warum das heute wieder wichtig ist
Wir leben in einer Zeit, in der beide Extreme, vor denen die Freiburger Schule warnte, wieder an Boden gewinnen: auf der einen Seite Rufe nach mehr staatlicher Lenkung – von Verhaltenssteuerung bis Industriepolitik –, auf der anderen Seite ein Protektionismus, der Wohlstand durch Abschottung verspricht. Der ordoliberale Mittelweg – Markt und Staat brauchen einander, aber in klar geordneten Rollen – wird dabei oft übersehen, weil er sich nicht in ein einfaches politisches Lager einsortieren lässt.
Genau das ist mein Anliegen: Ich schreibe weder als Marktradikaler noch als Etatist, sondern aus einer Tradition, die seit fast einem Jahrhundert eine differenzierte Antwort auf genau diese Fragen anzubieten hat. Meine Bücher sind der Versuch, diese Tradition auf aktuelle Debatten – Zollpolitik, Verhaltensökonomie – anzuwenden, statt sie im akademischen Lehrbuch zu belassen.

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