Warum ich über das Thema Verhaltensökonomie schreibe

Vor einigen Jahren saß immer wieder ein junger Mensch vor mir, der sich im ganzen Durcheinander von Arbeitsagentur und Jobcenter kaum noch zurechtfand. Hier eine Maßnahme, dort ein Gespräch, dann wieder ein neues Schreiben. Am Ende sollte er sich für eine Ausbildung entscheiden.
Oft lagen dabei Formulare auf dem Tisch. Manchmal hießen sie auch „Eingliederungsvereinbarung“, manchmal „Kooperationsplan“. Die Namen wechselten, das Grundprinzip blieb häufig gleich: Eine Möglichkeit war schon angekreuzt oder vorgegeben. Das war dann die empfohlene, angeblich beste Lösung.
Wer etwas anderes wollte, musste selbst tätig werden. Ein anderes Kästchen ankreuzen, noch einmal unterschreiben oder erklären, warum er dem Vorschlag nicht folgen wollte. Viele machten das nicht. Nicht unbedingt, weil sie von der vorgeschlagenen Lösung überzeugt waren. Oft war es einfach bequemer, den Weg zu nehmen, den jemand anderes bereits vorbereitet hatte.

Solche Situationen habe ich mehr als fünfzehn Jahre lang erlebt. Es ging dabei meist um junge Menschen zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahren, die ihren Weg in Ausbildung und Beruf finden sollten.
Irgendwann stellte ich mir eine ganz einfache Frage: Wer entscheidet hier eigentlich?
Entscheidet wirklich der junge Mensch? Oder fällt die Entscheidung im Grunde schon vorher – nämlich bei demjenigen, der das Formular entworfen und das Kreuz an die passende Stelle gesetzt hat?
Wer entscheidet hier eigentlich?
Wir Menschen entscheiden schließlich nicht im luftleeren Raum. Es macht einen Unterschied, wie uns eine Frage gestellt wird. Es macht einen Unterschied, welche Möglichkeit zuerst genannt wird. Und es macht einen Unterschied, ob wir selbst etwas auswählen müssen oder ob schon jemand für uns eine Vorauswahl getroffen hat.
Man kann Menschen mit guten Gründen überzeugen. Man kann es ihnen aber auch so leicht wie möglich machen, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Dann wird nicht offen gesagt: „Du musst das tun.“ Stattdessen wird der Weg so vorbereitet, dass viele ihn fast von selbst gehen.
Ich bin Diplom-Ökonom und habe mich lange mit der Frage beschäftigt, wie Freiheit, Verantwortung und staatliche Regeln zusammenpassen. Mir ist eine Ordnung wichtig, die den Menschen ernst nimmt. Der Staat soll klare Regeln setzen und Freiheit schützen. Er sollte seinen Bürgern aber nicht jede Entscheidung abnehmen.
Der gesteuerte Mensch
In meinem Buch Der gesteuerte Mensch habe ich mich sehr ausführlich mit diesem Thema befasst. Das Buch hat 782 Seiten und fast tausend Fußnoten. Im Mittelpunkt steht eine Frage: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der Staat seine Bürger nicht mehr überzeugen will, sondern versucht, sie möglichst unauffällig in eine bestimmte Richtung zu schieben?

Dabei verteidige ich einen einfachen Gedanken: Menschen können nachdenken. Sie können dazulernen. Sie können Verantwortung übernehmen. Natürlich machen sie Fehler. Aber sie sind nicht bloß leicht berechenbare Wesen, die ständig von angeblich klügeren Leuten gelenkt werden müssen.
Keine Sorge: Diese Reihe wird keine Kurzfassung meines Buches.
Ganz im Gegenteil. Ich möchte einzelne Dinge aufgreifen, die uns im Alltag begegnen. Manchmal lese ich etwas in der Zeitung. Manchmal fällt mir beim Einkaufen etwas auf. Und manchmal beginnt ein Gedanke tatsächlich in der eigenen Küche.
Warum kaufen wir im Supermarkt mehr, als wir eigentlich wollten? Warum werden manche politischen Vorhaben so erklärt, dass sie auf den ersten Blick besonders freundlich und vernünftig wirken? Warum wissen große Internetfirmen oft erstaunlich genau, worauf wir reagieren und wo wir schwach werden? All diese Fragen haben miteinander zu tun.
Ich werde dabei nicht Schritt für Schritt meinem Buch folgen. Ein Beitrag beginnt vielleicht mit einem persönlichen Erlebnis. Ein anderer greift eine aktuelle politische Auseinandersetzung auf. Und manchmal schaue ich mir genauer an, ob eine oft wiederholte Behauptung überhaupt gut belegt ist. Das soll auch so sein.
Dieses Thema gehört nämlich nicht nur in Hörsäle und dicke Bücher. Es begegnet uns an der Supermarktkasse, auf Internetseiten, in Schreiben von Behörden, in Gesetzen und in den Beiträgen, die uns Instagram, Facebook oder andere Netzwerke zeigen.
Wer nur in Büchern danach sucht, sieht deshalb nur einen Teil. Der andere Teil steckt mitten in unserem Alltag. Genau dort möchte ich ansetzen.
Ich freue mich, wenn Sie mich auf diesem Weg begleiten. Manchmal werden Sie mir zustimmen. Manchmal werden Sie vermutlich denken: Das sehe ich aber ganz anders.
Beides ist willkommen.
Ich möchte Ihnen keine fertige Meinung vorsetzen. Ich möchte Fragen stellen und zum Nachdenken anregen. Vor allem eine Frage scheint mir wichtig, wird aber viel zu selten offen gestellt:
Was verlieren wir, wenn wir Menschen immer weniger zutrauen?


